Laufmütze am Start © Sandra Grüning

Laufmütze am Start in Dresden © Sandra Grüning

Auch wenn mein innerer Schweinehund nach der kurzen Nacht mächtig streikt und schimpft und brummt, quäle ich mich aus dem Bett. Morgenlauf am Elbufer ist angesagt. Natürlich im Laufmützen-Dresscode.

Morgenlauf mit Panoramablick © Sandra Grüning

Morgenlauf mit Panoramablick © Sandra Grüning

Schon nach ein paar Metern, an den Schiffsanlegern vorbei und die Qual des verfrühten Rauswurfs aus himmlischen Träumen ist vergessen. Ich bin hingerissen von der Weite und Schönheit der Landschaft. Und der Silhouette der Altstadt. Immer an der Elbe entlang legt sich die barocke Schönheit für mich in Pose. So macht Laufen Spaß. Schneller als geplant ist der kleine Rundkurs geschafft.

Herrschaftlich © Sandra Grüning

Herrschaftlich lustwandeln © Sandra Grüning

Weit öffnet sich die Gartenanlage des Zwingers unter uns. Lustwandeln wie zu Augusts Zeiten. Mein Schwager und meine Schwester demonstrieren eindrücklich die barocke Hofetikette. Wir lachen, dass es von den Sandsteinmauern widerhallt und die Museumswächter uns skeptisch beäugen. Aber ich glaube, die schauen auch ohne unser Lachen schon äußerst wichtig und miesepetrig drein.

Ohnehin sind die Dresdner alles andere als freundlich und sympathisch, wie ich feststellen musste. Die Stadt ist der Hammer! Mit all ihren schönen Gebäuden, all ihrem Pomp. Doch die Menschen… Da sag noch einer die Pommern wären grummelig und grantig.

Rubens at it’s best © Sandra Grüning

Rubens at it’s best © Sandra Grüning

Doch zurück zu den wahren Meistern. Den Alten. Holbein, Dürer, Cranach, Giorgione, Tizian, Rubens, Vermeer, Rembrandt und natürlich Raffael – sie alle empfangen mich mit offenen Armen. Und ich sie mit offenem Herzen. Meiner Familie wird’s zu bunt. Und so kann ich mich ganz der Kunst hingeben, wandele schwebend durch die hohen Räume. Kunsthistoriker-Paradies. Endlich kann ich sie einmal live und in Farbe direkt vor meiner Nase begucken. Die Linien, Texturen, Farbverläufe. Die Geschichten und Bibelstellen. Unfassbar das, in Worte zu kleiden.

Und dann der El Grecco. Nicht Raffaels Sixtinische. Sonst zählt der Grieche nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Malern. Doch heute… Die Heilung des Blinden. Ich kann mich an seinen Farben nicht satt sehen, würde am liebsten hineinkriechen in seinen Farbauftrag. Genial! Dickes, reines Weiß setzt Licht und sorgt für Struktur. Schade, dass es vor diesem Bild keine Bank gibt. Ich hätte den ganzen Tag davor sitzen können.

Einfach nur wunderschön © Sandra Grüning

Einfach nur wunderschön © Sandra Grüning

Doch next Step: Stadtrundfahrt zu den Kunsthofpassagen. Und wir haben endlich einmal Glück. Unser Busfahrer Peter ist ein Dresdner Original und Geschichtenerzähler per excellence. Mit feinstem Dräsdner Dialekt. Er weiß alles. Wie viel eine Wohnung in der Innenstadt kostet, wo welches Gebäude mal irgendwann stand, wo man guten Wein trinken kann, wer welche Kinder bekommen hat. Seine eigene Tochter heißt übrigens auch Sandra, verrät er mir, und zeigt mir prompt ein Bild seines Enkels. Sein Lieblingsspruch: „War zwar teuer. Aber schön war’s“, passt er gern und oft an jede Lebenslage an. Leider müssen wir ihn viel zu früh verlassen. Aber ich fühle mich nun nach Peter versöhnt mit den Dresdnern. Werden sie ihrem Ruf als herzliche und redefreudige Menschen ja doch noch gerecht.

Urban Art © Sandra Grüning

Urban Art © Sandra Grüning

Die Kunsthofpassagen nahen. Lauschige und urige Hinterhöfe, in denen das Bummeln zur Kunst wird. Kleine Cafés, Goldschmiede-Ateliers, Galerien. Und ein Overload an Flirtpotential. Es ist wie ein kleines Sankt Pauli von Dresden. Dem Schwesterherz und der Mama gefällt’s. Denn hier lässt es sich ausnehmend gut flanieren, gucken und verweilen.

Street Art © Sandra Grüning

Street Art © Sandra Grüning

Schick machen, heißt es dann. Schick machen für den Abend. Und langsam werde ich aufgeregt. Zwei Tage habe ich sie nun immer vor der Nase gehabt und unzählige Fotos von ihr geschossen. Nun soll es endlich hinein gehen in die heilige Halle. Die Frauenkirche steht auf dem Programm. Nein, noch besser: Mozart in der Frauenkirche steht auf dem Programm.

In meinem Bauch kribbelt es, als wir die Stufen ersteigen. Als ich das Innere erblicke, klappt mir der Unterkiefer runter. Prunk und Gold wohin das Auge sieht. Ich brauche eine Weile, die Wirkung zu verdauen. Zumal ich aus irgendeinem Grund annahm, sie wäre schlicht weiß von innen. Stattdessen bunte Farben überall.

Glückstaumel mit Gänsehaut © Sandra Grüning

Glückstaumel mit Gänsehaut © Sandra Grüning

Und dann dieser Raum, der sofort mit mir in eine Art Dialog geht. Sich selbst in Bezug zu der Höhe wahrnehmen und einzuordnen, lässt das Ego schrumpfen. Und gleichzeitig erhöht es die Seele durch das harmonische Gesamtkonzept. Fast unwirklich schön!

Meine Augen springen wie bei einem Flipper von einem prunkvollen Detail zum anderen.

Doch am beeindruckendsten ist der Klangraum für mich. Als die Sinfonie A-Dur von Mozart anschwillt, schließe ich die Auge, um die Musik noch eindringlicher wahrzunehmen. Und der Raum spielt mit, hat eine Akustik, die Gänsehaut bringt. In der die Harmonien bis hinauf in die Kuppel getragen werden und von allen Seiten des Zentralbaus auf mich eindringen.

Allein für dieses sinnliche Erleben hat sich die Fahrt hierher gelohnt!

Nacht ooch!