Pienza il 7 agosto 2017


Morningrun © Sandra Grüning

Es ist sieben Uhr in der Früh. Mein Kopf sagt mir unmissverständlich: Das letzte Bier war schlecht! Und am liebsten würde ich den frühen Vogel, frühen Vogel sein lassen. Aber es hilft nichts. Da muss ich durch. Denn ich bin zum Laufen verabredet.

Irgendwie schaffe ich es, pünktlich am Tor zum Palazzo zu sein. Meine Mitstreiter sehen zum Glück ähnlich unausgeschlafen aus.

Das wird ein Multikulti-Lauf. Denn unsere kleine Laufgruppe besteht aus einer Perserin, die in London lebt, einer Österreicherin, die demnächst nach Brüssel geht, einem Schweizer, der in Freiburg arbeitet und mir, Küstenkind.

Etwas Gutes hat solch frühe Stunde dann doch. Es sind angenehm erfrischende 26 Grad.

Anstrengend und abenteuerlich wird es trotzdem. Denn es geht buchstäblich über Stock und Stein. Ausgetrocknete Flussbetten, Trampelpfade, umgestürzte Bäume, Dornenzweige und mitten durch die Reben der Toskana. Verliere ich hier den Anschluss, wäre ich heillos verloren. Lost in Tuscany.

Stolz und froh, den Schweinehund überwunden zu haben, gönne ich mir ein morgendliches Glitzerbad im Pool. Das habe ich mir verdient! Es ist wie eine Renaissance meiner Lebensgeister. Ich schwebe in Blau. Unter mir das Blau des Pools. Über mir das grenzenlose Blau des Sommers.

Ich bin frei. Frei zu entscheiden, wohin es mich heute treibt. Frei auf meinen Wegen, in meinem eigenen Tempo zu wandeln. Und mein Herz entscheidet sich für Montepulciano. Kleine Gassen, Vino nobile und das Caffè Poliziano. Das Caffè Grande weckt Erinnerungen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sitze ich auf dem winzigen Balkon vom Caffè Poliziano, glücklich diesen Platz ergattert zu haben. Der Cappuccino freddo ist der Himmel auf Erden. Die Panna cotta zergeht auf der Zunge. So gehaltvoll, dass ich die nächsten drei Wochen nichts mehr zu essen bräuchte.

Genuss pur © Sandra Grüning

Sanfte Hügel legen sich vor mich hin, aus denen die Zypressen wie Nadeln hervorstechen. Ich könnte den ganzen Tag hier sitzen, in die Weite schauen und genießen.

Doch irgendetwas treibt mich an. Der Weg zum Dom ist schweißtreibend und anstrengend und ich kürze durch viele kleine und schattenspendende Gässchen ab. Die Schritte werden immer langsamer. Zwischenzeitlich überlege ich kurz, mich einfach hinzusetzen. Und bin überglücklich, mich oben in eine Kirchenbank fallen lassen zu können. Durchatmen. 

Vino Nobile – der gehört auf jeden Fall in mein Gepäck! Wie viele Flaschen wohl in meinen Koffer passen? Vielleicht muss ich mich von ein paar Slips trennen. 

Jetzt gilt es noch, aus den schmalen Gassen wieder herauszukommen. Plötzlich stehe ich mit meinem kleinen Vehikel mitten auf dem Corso direkt unter dem Torre del Pulcinella. Schockstarre und Panik kommen auf. Denn ich fahre die Fußgängerzone zum Dom hinauf. Verbotenerweise. Ich biege ab und biege ab und biege wieder ab. Und stehe schon Dank der Einbahnstraßen wieder unter dem Torre del Pulcinella. Zweimal wiederholt sich das Schauspiel und ich sehe mich schon Tage später immer noch im Kreis durch die Gassen von Montepulciano fahren.

Ein Karabiniere hält mich an, sagt mir, dass er mich schon ein paarmal hat vorbei fahren sehen und dass ich hier auf dem Corso nicht fahren dürfe. Was ich mittlerweile auch weiß. Doch ich sehe wohl so hilflos aus, dass er mich an die Hand nimmt und mir einen Ausweg aus meinem Dilemma zeigt. Mein Retter! Vor lauter Erleichterung gibt’s zwei Küsse auf die Wange. Der Karabiniere wird rot und grinst bis über die Ohren. Bloß weg!

Liebe! © Sandra Grüning

Ich habe mich verliebt, in ein Örtchen namens Pienza. Via dell’amore e via della fortuna. Wo es Straßen mit diesen Namen gibt, müssen Liebe und Glück zuhause sein. Ein wunderschöner Ort, der mir innerhalb nur einer Straße ins Herz läuft. Am Domplatz einen Caffè trinken und dabei zuschauen, wie die Menschen vorüber gehen. Wie die Alten sich an der Ecke treffen, sich auf die warmen Marmorbänke hangeln und über den Tag philosophieren. Der Tag hat einen Sinn: Jeden einzelnen Moment davon zu genießen. Hier oben fällt mir das nicht schwer. Es ist wie, der Welt für eine wunderbare Weile zu entfliehen.

Special thing © Sandra Grüning

Das tue ich gleich noch einmal. Nach einem Dinner im Palazzo fahren wir alle zusammen – sämtliche mittlerweile 70 Wissenschaftler – nach Montepulciano. Dorthin, wo ich heute schon einmal eine Odyssee erlebt habe. Um die Probe für ein Openair-Festival zu erleben. Mit Vino Nobile und einem Vollmond, der zum Träumen animiert und mich so manches Mal zu geliebten Menschen knapp 1200 Kilometer weit entfernt an die Ostsee zieht. 

Montepulciano bei Nacht? Leuchtet!

Buona notte!


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