Seemannsgarn


Fischerkram © Henry Böhm (www.facebook.com/planetusedom)
Fischerkram © Henry Böhm (www.facebook.com/planetusedom)

Tief hängen die Wolken über dem Meer. Brodelnd und schäumend bricht die See in turmhohen Wellen sich Bahn. Sturm drängt und schiebt mich bis ans Wasser hinunter und treibt mich mit Macht den Strand entlang. Vorbei an trotzig dreinblickenden Möwen, die sturmerprobt jeder Böe ihre Stirn bietend seelenruhig wie aufgereiht im aufgeweichten Sand ausharren. Vorbei an den alten Fischerbooten, die festgetäut nur ein paar Meter vom Tosen entfernt schlafen.

Anker, Netze und ein Gewirr aus Stangen mit roten Fähnchen türmen sich in den Bäuchen der Kähne. Fischerkram, denke ich im Vorbeilaufen. Damit spinnen sie ihr Seemannsgarn, mit dem sie den Kindern die Träume bunt und abenteuerlich machen. Mit Klabautermann und Seeungeheuern, Freibeutern und Kisten voller Gold…

Die Alten wissen viel zu erzählen. Und ihre Augen leuchten, wenn sie das Früher lebendig werden lassen. Als morgens der ganze Strand an der Seebrücke voller Boote lag und die Urlauber sich haben in offenen Schaluppen auf die Ostsee rausfahren lassen. Als Sturmfluten ganze Strände verschlangen und gewaltige Fänge die Boote fast zum Kentern brachten, als die Währung noch Aal war und Feuer in den Bulleröfen in den Buden mitten in den Dünen knisterten. Dort, wo es nach Teer roch und nach Räucherfisch. Wie gelbzüngelnde Flammen lodern die Bilder in den Augen der Fischer. Geben ihrer rauen Schale etwas Weiches und Warmes.

Die roten Fahnen, mit denen sie ihre Netze feststecken, wehen im Wind. Mächtig zieht und zerrt er an den Stoffecken. Ihr flatterndes Geräusch surrt über den Strand bis es vom gefräßigen Rauschen verschluckt wird. Die Wellen peitschen mit Gewalt ihre Gischt auf den nassen Sand. Eine Böe greift sich die weißen Schaumkronen, reißt sie auseinander und wirft sie in Fetzen gegen das kleine Boot, das ein wenig abseits liegt.

Bald werden sie ganz verschwunden sein, die Kutter. Und mit ihnen die Alten in ihrem Ölzeug und ihren dicken Troyern. Einer nach dem anderen. Verschluckt vom Fortschritt und der Gleichgültigkeit unserer Zeit.

Und niemandem wird auffallen, dass etwas fehlt. Nur, dass die Strände irgendwie nackter und kahler aussehen, als sie in den Erinnerungen erscheinen.

Dann wird kein rotes Flattern mehr zu hören sein, kein Seemannsgarn mehr und auch kein Tuckern vom morgendlichen Anlanden mehr, kein Fluchen beim Heringe puhlen und keine Geschichten mehr. Denn es ist niemand mehr da, der sie erzählt. Dann wird nur noch das Heulen des Sturms zu hören sein, der einsam über den Strand weht und sich nach dem Seemannsgarn der Alten sehnt.


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