Januarmeer © Sandra Grüning

Januarmeer © Sandra Grüning

Lange hat er auf sich warten lassen. Aber nun ist er gekommen. Der Winter. Mit seinem eisig kalten Atem treibt er die Menschen in heimelig warme Gefilde. Fesselt sie an Öfen und Kamine. Holzknackend und harzduftend.

Mich dagegen drängt er hinaus aus der Enge. Raus ans Meer. Dorthin, wo es bei zwölf Grad unter Null nur die Möwen aushalten. Menschbefreit ist es Urlaubszeit für die Weißgefiederten. Unverfroren trotzen sie der Kälte, lassen sich zum Wintersonnenbad auf dem spiegelblanken Ufersaum nieder. Ziehen ihre Köpfe und Schnäbel kuschelig unters winterdaunige Kleid und träumen von Frühlingstagen.

Eingeschnürt wie ein Weihnachtspaket stapfe ich gegen den eisigen Wind an. Die Kälte beißt mir in Wangen und Nase. Macht Oberschenkel und Finger binnen Sekunden steif. Piesackt die Haut mit unzähligen Nadelstichen. Mantel, Schal und Mütze fühlen sich dünn wie Pergamentpapier an.

Mir ist es einerlei. Denn das Januarmeer entschädigt. Tausendfach.

Leicht wie Schleierfetzen treibt der Wind den Sandmännchensand über den hartgefrorenen Strand. Losgelöst weht er aufs Meer hinaus. Gischt peitscht in die klirrend klare Winterluft. Überschlägt sich in schaumgekrönten Purzelbäumen.

Wie ein barocker Zierrat legt sich Eisschicht um Eisschicht auf die rostgewirkten Pfeiler der altehrwürdigen Seebrücke. Froststarrend glitzern die dicken, weißen Nasen in der Nachmittagssonne. Mit ihren Zungen lecken sie begierig das Salz des tiefdunklen Wintermeers auf. Der Horizont – gestochen scharf teilt er das Irdische vom Himmlischen. Undendlich weit. Und unwirklich schön.

Ich spüre meine Hände und Füße nicht mehr. Fühle nur noch Taubheit und bleierne Schwere. Und kann mich dennoch nicht abwenden. Welle auf Welle schwappt Glück durch mich hindurch. Und dieses unbändige Gefühl von Freiheit.