Nachtgedanken


Ostseestrand

Lichter-Meer © Sandra Grüning

Wenn die Welt ihr sorgenschweres Haupt schlafen gelegt hat und ich mit all den Lichtern allein bin, gehe ich gern am Strand spazieren. Die Dunkelheit hüllt mich in ihren nachtschwarzen Mantel ein. Verschluckt mich. Verbirgt. Das Rauschen der Wellen in den Ohren. Die Gischt auf meiner Haut. Nur Wind. Und der Mond. Nur meine Gedanken. Und meine Gefühle. Pur. In der Dunkelheit ist alles so viel intensiver als bei Tageslicht. Nichts lenkt ab, verfälscht.

Und das Wasser, das wie ein Meer aus Teer in schweren Wogen an meine Füße spült, nimmt meine Sehnsucht mit hinaus in die Weite. Die Luft riecht salzig, nach Tang. Und ich schmecke die See auf meinen Lippen, spüre, wie sie mir in den Augen brennt. Während sie in schweren Tropfen über meine Wangen rinnt.

Manchmal sind das Glück und die Traurigkeit nur einen Herzschlag voneinander entfernt. Die Kunst liegt darin, beides anzunehmen und zu lieben. Wieder und wieder. Ersteht aus dem Nichts eine unbändige Kraft. Wird gebrochen von der Wirklichkeit. Und rappelt sich von Neuem auf. Ein endloser Kreislauf aus Sehnsucht, aus Wünschen und Träumen, aus Erfüllung und Scheitern.

Irgendwann legt sich die Stille auch auf mich. Und ich atme die Dunkelheit tief in mich ein. Sie durchströmt mich wie eine laue Frühlingsbrise, erfüllt mich bis in die Haarspitzen. Alles wird schwer und friedlich in mir. Selbst der schale und abgestandene Geschmack des Verlorengegangenen verschwindet. Zu viel habe ich in meinem Leben schon begehrt. Und zu wenig davon wirklich geliebt.
Aber das ist in Ordnung. Der Mensch braucht die Gier. Nach Wissen, nach Erfolg, nach Geld, nach Macht, nach Bestätigung, nach einem anderen Menschen, nach Liebe. Sie ist der Motor, der ihn antreibt, ihn voranschreiten, über den Himalaya klettern lässt. Wenn du etwas wirklich und unbedingt willst, fragst du nicht, ob du es schaffst. Du tust es!

In meiner Brust höre ich das dumpfe Schlagen meines Herzens. Beruhigend rauscht das Blut durch die Straßen meines Körpers. Die, die sonst so vollgestopft sind mit Tausenden von kleinen Gefühleautos – verworren in einem wahren Emotionsstau.

Irgendwann habe ich genug von den Wellen, vom Wind in meinen Haaren, vom Weltschmerz. Und ich wende mich ab, schreite in großen Schritten durch den Sand und entfliehe in die Nacht meinen Träumen zu. Und das Meer ist wieder nur ein Meer, dessen Rauschen im Gehen immer leiser, leiser, leiser wird – wie eine wattebauschweiche Erinnerung, die mir jemand ins Ohr flüstert.


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