Meerzeit © Sandra Grüning

Es ist mitten in der Nacht – irgendetwas zwischen 2 und 3 Uhr – und der Wecker säuselt mir doch tatsächlich ins Ohr, dass ich aufstehen sollte. Mein in feinstem Brennivín eingelegtes Hirn glaubt zunächst an einen Traum. Und will gern weiter träumen. Ist es doch gerade einmal etwas mehr als drei Stunden her, dass ich ins Bett gefallen bin. Doch der Wecker säuselt hartnäckig weiter. Das wird eine Qual.

Zumindest weiß ich jetzt, warum das Gesöff Brennivín heißt. Der Brand nach seinem Genuss, ist auch mit einer Flasche Wasser nicht zu löschen. Und ein bisschen tot fühle ich mich auch. Doch die Norröna ruft und wartet nicht. Schließlich hat sie ein ganzes Land zu versorgen. Da muss sie Prioritäten setzen.

Die Norröna ist die einzige Schiffsverbindung auf die Färöer Inseln. Alles, was die Färöer also zum Leben brauchen, kommt mit der Norönna ins Land. Auch im Winter. Auch bei Sturm. Denn die Norröna ist das einzige Fährschiff, das sich zu dieser unwirtlichen Sturmzeit auf den Nordatlantik wagt. Denn sie wurde extra für solch ungemütliche Stunden gebaut.

Volles Rohr © Sandra Grüning

Volles Rohr © Sandra Grüning

165 Meter lang und 30 Meter breit. 30.000 PS, die ausschließlich von Färöern gebändigt werden. Das beruhigt ungemein. Stammen die Färöer doch von den alten Wikingern ab. Und die waren einst Weltmeister im Schiffebauen und im Schiffefahren. Einmal – habe ich gelesen – soll die Norröna mit einer zwölf Meter hohen Welle kollidiert sein. 40 Grad Krängung und sämtliche Maschinen fielen für zwölf Minuten aus. Schwer verletzt wurde aber niemand. Toi, toi, toi! Darauf einen Brennivín. Später…

Pünktlich zur Skua-Tour, fängt es an zu schneien. Je weiter wir in den Norden kommen, umso weißer wird die Landschaft. Hirtshals ist fast der nördlichste Ort Dänemarks. Nördlicher sind nur noch Aalbæk – da bekomme ich fast ein bisschen Heimatgefühl -, Hulsig und Skagen. Der Skagerrak – wie oft hatte ich davon nicht während meines Geschichtsstudiums gehört.

Auf dem Weg zum Meer liest uns Ben O. mit seiner unnachahmlich norddeutschen Sprachfarbe das 1. Kapitel aus „Der Sturm“ vor. Der Roman wird uns auf unserer Tour begleiten. Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob ich diese Literatur so geeignet finde, wenn wir selbst gerade auf dem Weg in selbig stürmisches Nordmeer sind. Sind die Fischer in dem Buch nicht alle über den Jordan…?

Doch in Hirtshals Havn angekommen, sieht die Norröna bei näherem Betrachten recht beeindruckend aus. Steil ragt die Bordwand an der Kaimauer auf. Das ist schon’ne Hausnummer. Der Wind, der uns hier in Hirtshals um die Ohren weht, ist eisig. Aber der Blick über die Nordsee ist beruhigend und aufwühlend zugleich. Meer tut immer gut. Von mir aus kann’s losgehen. Die Nordmeer-Schmetterlinge flattern wie verrückt durch meinen Bauch. Anderthalb Stunden bis wir auf das Schiff können. Die Zeit zieht sich wie ein zähes Kaugummi.

Doch nicht so lütt © Sandra Grüning

Doch nicht so lütt © Sandra Grüning

Dann geht es endlich an Bord und mir ist, als ginge ich zu einer Prüfung. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Und mein Magen hängt in den Kniekehlen. Und dass, obwohl noch nicht einmal annähernd Seegang zu spüren ist.

Mein neues Reich: einfach, aber sehr sauber und mit einem recht großen Fenster. Ich werde den Nordatlantik also immer sehen und ganz unmittelbar hören und spüren können. Das ist das, was ich wollte!

Ausblick mit Meerblick © Sandra Grüning

Ausblick mit Meerblick © Sandra Grüning

Gemächlich legt das Schiff ab. Lautlos fast. Immer kleiner wird das Land. Das Licht über dem Meer ist wundervoll. Ich kann die Kälte, die über dem Wasser hängt, sehen. Ich bleibe so lange wie möglich an Deck.

Auf ins Nordmeer © Sandra Grüning

Auf ins Nordmeer © Sandra Grüning

Bis die Singnotrettungsübung mit Ben O. ansteht. Gleich nach der offiziellen Seenotrettungsübung via Lautsprecher-Durchsage. Ich wusste gar nicht, dass ich Übungen auch erhören kann. Warum übe ich dann eigentlich so viel am Klavier? Anstatt das Üben aufs Zuhören zu verlagern.

Die Singnotrettungsübung ist ein echtes Highlight. Hier dürfen wir alle kräftig mitmischen. Und zwar mit echten Seemannsliedern. Da gilt es, Hauptsache laut – egal ob richtig oder falsch – mitsingen, was die Kehle hergibt. Und ist die Melodie unbekannt, sind Hans-Alberismen in Form kleiner Jodelschlenker durchaus erlaubt. Es werden etliche. Dazu geben Ben O. und Ankerherz-Chef Stefan Seemannsgeschichten über das knochenharte Fischerleben oder diverse Kapitäne wie die von Kapitän Curt „Kuddel“ Klews zum Besten.

Ben O., der Geschichtenerzähler © Sandra Grüning

Ben O., der Geschichtenerzähler © Sandra Grüning

In seinem Element © Sandra Grüning

In seinem Element © Sandra Grüning

Eines muss ich heute unbedingt noch tun. Raus an die frische Seeluft. Ich stehe auf dem obersten Deck und genieße das schwarze Rauschen der Nacht und das sanfte Schaukeln in den Wellen, die mit ihren weißen Schaumkronen immer wieder aus dem Dunkel auf das Schiff zurollen. Einfach großartig! Unbeschreiblich schön! Und eisig kalt. Es schneit. In Schleiern werden die tanzenden Flocken hinaus aufs Meer geweht, bevor sie im Nichts verschwinden. Hinter mir drehen sich mit leisem Summen die Radargeräte, geben zusammen mit dem Auf und Ab der Wellen einen gemeinsamen Rhythmus vor. Dick eingepackt stehe ich und staune und könnte Stunden hier oben stehen. Hier kann ich die Zeit vergessen, einfach nur das Meer und den Moment genießen.

In geselliger Runde werden Hände und Geist schnell wieder warm. Ich fühle mich gut aufgehoben zwischen all den einzigartigen Menschen unserer kleinen Gruppe, die alle doch das eine eint: Die Lust auf Meer.

Godnat, drømme hyggeligt. Vi ses i morgen.

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[Der Text enthält Werbung aufgrund von Namensnennung! Alle Anregungen und Vorschläge, Empfehlungen und Bewertungen sind jedoch meine eigene Meinung und mein ganz persönlicher Geschmack, der gerne geteilt, aber auch anders empfunden werden kann.]