Leipzig, 22. April 2018


Das Dümmelsche Familienstaffelmarathon-Projekt © Sandra Grüning

Die Vögel wecken mich durchs offene Fenster. Sonne satt. Ich habe geschlafen wie ein Baby. Ein Wunder! Kriege ich sonst in fremden Betten die erste Nacht kein Auge zu. Doch heute Morgen fühle ich mich wie im Paradies.

Für ein paar Sekunden zumindest. Dann schießt es mir durch den ganzen Körper: Marathon!!! Vorfreude, Aufregung, Anspannung, Glück – ein bunter Chemiecocktail überflutet meinen Körper.

Im Familienhauptquartier Chakaroun herrscht schon reges Treiben als ich ankomme. Startnummern werden präpariert, Kaffee literweise in die nervösen Leiber geschüttet, letzte Absprachen getroffen. Die Luft knistert, ist aufgeladen wie vor einem Gewitter.

Der Weg zu meinem Startpunkt kommt mir endlos vor. Mit jedem Schritt schwappt das Adrenalin über und überzieht meine Haut mit einer Gänsehaut. In meiner Wechselzone warten schon ebenso aufgeregt fiebernde Staffelläufer. Von ihnen bekomme ich Tipps zur Strecke. Beruhigend sind die allerdings nicht.

Keine Panik! Zieh dein Tempo durch! Nicht kirre machen lassen! Hab einfach Spaß!

Überzeugen kann ich mein Angsthasenherz damit allerdings nicht so richtig. Der ständige Blick auf die Uhr hilft auch nicht. Denn die Zeit schleicht dahin, als wolle sie mich ärgern. Plötzlich umarmt mich jemand von hinten. Mein Cousin Alex, Starter Nummer eins, hat mich gefunden. Frisch geduscht und putzmunter. Er strahlt. Kein Wunder, er hat’s ja auch schon geschafft. Ich bin Läuferin Nummer drei und habe alles noch vor mir. Er macht mir Mut, lässt mich die Anspannung für ein paar Minuten vergessen. Bis mein Onkel um die Ecke biegt. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Jetzt gilt‘s…

Wunderschönes Leipzig © Sandra Grüning

Die ersten beiden Kilometer im Schatten der Bäume gehen gut an. Ich genieße Leipzig und den Sommer und das kleine Sightseeing-Programm. Laufen war schon immer meins. Schon als Kind konnte ich nicht still sitzen. Bin immer auf Zehenspitzen durchs Haus gelaufen.

Leipziger Sightseeing-Lauf © Sandra Grüning

Doch die Liebe zum Laufen wandelt sich beim Einbiegen auf die Prager Straße in… weniger schöne Gefühle. Unerbittlich brennt die Sonne mit 30 Grad auf meinen Schädel. Von Schatten keine Spur. Mein Mund ist nach ein paar hundert Metern so trocken wie die Sahara. Und es geht stetig bergauf. In weiter Ferne sehe ich flimmernd in der Mittagssonne das Völkerschlachtdenkmal wie eine Fata Morgana auftauchen. Von dort ist der nächste Wechsel nicht mehr weit. Aber bis dorthin erscheint es mir noch wie eine Ewigkeit. Denn jeden Meter, den ich vorankomme, scheint der Turm einen Meter weiter weg zu springen. Mit hängender Zunge erreiche ich den Gipfel und kurze Zeit später mein Ziel. Geschafft!

Wie lange noch? © Sandra Grüning

Ab in die Tram und fix zurück zum Zieleinlauf. Gerade noch rechtzeitig komme ich an, um Martin, unseren Läufer Nummer vier, beim Schlusssprint anzufeuern. Platz 14 von 41 Staffeln! Wir sind im siebten Himmel. Glücklich, wunderbar leicht und stolz können wir nicht aufhören, wie Honigkuchenpferde zu grinsen. Die Strapazen und die Qualen der vergangenen Stunden verpufft und vergessen.

„Nächstes Jahr wieder!“, ist unser einstimmiges Fazit.

Die glorreichen Vier © Sandra Grüning

Die Badewanne ruft. Und ich schwebe und träume und resümiere darin, bis meine Haut ganz schrumpelig ist. Bleischwer fühlt sich jeder Muskel an. Doch der Kuchen ruft.

Der schmeckt nach dem Verlust so vieler Kalorien gleich nochmal so lecker. Und das anschließende Schmausen in Noels Ballroom wird zum genussvollen Familiengelage. Schon einmal einen frittierten Schokoriegel gegessen? Für die Dümmels gehört der beim Besuch des Ballrooms unbedingt dazu. Und es lohnt sich. Auch wenn mir beim Probieren sämtliche Zähne zusammenkleben, muss ich zugeben, das unförmige Etwas schmeckt verdammt gut.

Kulinarischer Marathon-Höhepunkt © Sandra Grüning

Doch wahrhaft himmlisch wird mir zumute beim Betrachten der Kneipendecke. Die ist ein wahrer Malt-Himmel. Und ein feiner Ardbeg Uigeadail setzt dem Abschluss eines unvergesslich schönen Tages seine himmlisch rauchige Krone auf.

Der Himmel der Malts © Sandra Grüning

Da grinsen selbst Statler und Waldorf zufrieden vor sich hin.

Nacht ooch!

Wir sind zwar für nichts zu gebrauchen, dafür aber zu allem fähig. © Sandra Grüning


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