Laufmützen im Mandelblüten-Camp

Es ist noch dunkel, als ich meine winzig kleinen Augen nach dieser viel zu kurzen Nacht öffne. Die Lichter gegenüber der Bucht leuchten friedlich und genauso schlaftrunken wie ich. Ich muss verrückt sein, dass ich nach fünf Stunden Schlaf unbedingt Frühsport am Strand machen will. Ich quäle mich aus dem Bett, riskiere einen Blick vom Balkon. Wunderschön! Die Dämmerung setzt ein. Und wäre es – splitternakt bei zehn Grad – nicht so kalt, ich könnte mich hier verträumen.

Fix angezogen und runter an den Strand. Dehnen macht unausgeschlafen doch gleich noch mal so viel Spaß. Und es haben sich tatsächlich ein paar ebenso verschlafene Laufmützen rund um Leitmützin Christina eingefunden, die dieses unverständliche Bedürfnis ebenfalls antreibt. Aber ich muss ja nicht alles verstehen.

Der frühe Vogel macht Yoga am Strand © Sandra Grüning

Nach dem Frühstück geht’s auf zur ersten Laufmützen-Mallorca-Runde. Ein bisschen mehr als zehn Kilometer stehen auf dem Programm. Und die schönsten Yachthäfen der ganzen Insel. Sagt unser Personal Trainer Miguel. Eine ganz besondere Ehre. Denn er ist nebenbei auch der Hoteldirektor vom „Bahia del Sol“. Wir sind motiviert. Denn pünktlich zum Lauf, hört es auf zu regnen. Dem Wettergott von Laufmütze Steffen sei Dank. Der ist trotz vieler Marathons offenbar noch nie im Regen gelaufen. Das kommt uns jetzt zu Gute. Der Lauf startet vielversprechend tropfenfrei. Doch ist uns der Wettergott nicht sehr lange hold, verzieht sich mit der Sonne wohl lieber in privatere Gefilde. Dafür erfreuen uns jetzt Sonnenstrahlen in flüssiger Form und begleiten uns an die schönsten Ausblicke von Santa Ponça. Und die sind grandios!

Ein bisschen Meer © Sandra Grüning

Es gibt ja Finkas und Finkas. Und auf Mallorca gibt es eben alles. Sogar die Puder Rosa Ranch.

Die Puder Rosa Ranch © Sandra Grüning

Und Yachten. Auch mit ganz netten Namen. „Black Money“ ist mein Favorit. Und ein Katamaran der Extraklasse. Allerdings ist der wohl nicht ganz meine Gehaltsklasse. Die würde vermutlich gerade einmal für das aufblasbare Beiboot reichen. Aber immerhin auch obenrum offen.

Nomen est ? © Dörthe Schmelzer

Keine Stunde im Ziel wartet das nächste Abenteuer nur darauf, uns den Tag zu verschönern. Valldemossa. Ein Ort, der nach lieblicher Klaviermusik und Poesie klingt. Der Weg dorthin führt an der Küste entlang. Ich wusste bislang nicht, dass mir vom Beifahren übel werden kann. Doch nach der 300. Haarnadelkurve weiß mein Magen nicht mehr, wo er hingehört.

Macht nichts. Denn um jede neue Ecke herum legt sich uns ein noch schönerer Ausblick in die Frontscheibe. Steile Abgründe, bockige Bergziegen mit Hörnern wie Korkenzieher, mallorquinische Weinterrassen, ruinierte Burgfriede und Mandelblüten.

Mandelbaum mit Mandelblüten


Endlich Mandelblüten © Anette Wüsthoff

Endlich Mandelblüten! Bei jeder sich bietenden Möglichkeit heißt es: Zwischenstopp. Kamera gezückt und abgedrückt. Wenn’s wegen der immer schmaler werdenden Serpentinen nicht anders geht sogar aus dem fahrenden Auto heraus.

Es geht bergauf und bergab, in die Wolken, über die Wolken und mittenrein in den Regen.

Valldemossa bei Sonne? Das kann ja jeder. Bei Regen ist das süße Bergdörfchen, in dem schon Herr Chopin mit seiner geliebten George Sand ausgiebig Kaffee getrunken hat etwas ganz besonderes. Denn wir haben die kleinen Gässchen fast für uns allein. Kaum auszumalen, wie voll diese im Sommer sind.

Wenn die Füße Schwimmhäute bekommen, wird es Zeit für etwas Warmes – „Cappuccino Valldemossa“ © Sandra Grüning

Auch wir gönnen uns Kaffeekunst vom Feinsten. Im „Cappuccino Valldemossa“ trinken wir mit Sicherheit den teuersten Espresso von ganz Mallorca. Aber dafür ist das kleine Café auch ausgesprochen kuschelig. Vor allem, wenn man vom Kopf bis zu den Füßen zum zweiten Mal an diesem Tage völlig durchnässt ist und sich nach ein bisschen Wärme sehnt. Dann werden Kaffeepreise auch mal relativ.

Valldemossa ist ein Ort zum Verlieben. Hat es doch wunderschöne alte, schräge, romantische Gässchen, Türen, die von der Heiligen Catalina Thomas beschützt werden und Gärtchen voll praller Orangenbäume.

Vor einem dieser fremden Gärten erwischt sie mich schließlich doch nach Jahren des Vergessens wieder, meine kriminelle Energie. Ja, ich gebe es zu, ich habe schon als Kind gern die Kirschen aus dem Garten des katholischen Nachbar-Pastors genascht. Die schmecken dort ja auch viel süßer. In jeder Hand eine saftige Orange krabble ich schließlich aus einem offenbar verwahrlosten Garten. Stolz wie Bolle: Ich habe Essen gejagt. Natürlich nicht für mich allein. Ich teile gern. Auch mit 19 Laufmützen.

Jetzt bloß schnell raus aus dem fremden Garten © Dörthe Schmelzer

Dieser Tag wird trotz klatschnasser Klamotten immer schöner, denke ich so bei mir.

Doch der Höhepunkt kommt noch: Eine Spiel- und Comic-Einlage des Doktors und seines Kompagnons. Die beiden zeigen aufs eindrücklichste wie eng Freude und Leid oder Leid und Freude beieinander liegen können.

Die perfekte Fotografierhaltung © Sandra Grüning

Denn einmal nicht aufgepasst, wird die Tüte mit den teuren Fotofiltern von der perfekten Sonnenuntergangswelle aufgeschnappt und hinaus aufs Mittelmeer vor Sant Elm getrieben. Doch Not macht erfinderisch. Erst recht einen ausgebufften und fotoverrückten Doktor. Mittels fünf Meter langer und schnell geernteter Bambusrohre wird in der Abenddämmerung im trüben und kalten Mittelmeer nach der immer weiter abtreibenden Fotofiltertüte gefischt.

Hier wird nicht etwa im Trüben gefischt © Anette Wüsthoff

Wer nicht weiß, dass dort ein kleiner Schatz geborgen werden soll, könnte glatt auf die Idee kommen, dort fischen zwei komische Typen nach den Meeresfrüchten für die aus fremden Gärten ausgeborgte Orangen-Jus. Mit vollem Körpereinsatz in des Doktors Lieblingsposition – auf dem nackten Felsboden liegend – gelingt das Unmögliche: Die Rettung der Fotofilter.

Erfolgreiche Operation: so glücklich können Doktoren aussehen © Anette Wüsthoff

Ende gut. Alles gut! An einem Tag, der so viele wundervolle Momente enthalten hat, dass meine Lach- und Glücksfalten noch Jahre lang etwas zu erzählen haben.

Bona nit!

Hach ja… © Sandra Grüning