Frühaufstehergedanken


Sonnenaufgangsträume © Sandra Grüning
Sonnenaufgangsträume © Sandra Grüning

Es ist wie das Aufatmen vor dem Aufwachen. Das leise Innehalten. Bevor alle Gedanken einstürzen auf meine schlaftrunkene Seele.

Jeden Morgen. Gehe ich hinunter ans Meer. Denn es zieht mich unwiderstehlich an. Kaum aus dem noch stillen Haus beschleunigen sich meine Schritte. Süchtig nach Weite finden sievon allein ihren Weg. Fordern Eile. Denn Vorfreude rauscht durch meine Adern.

Der alltägliche Holzweg. Morsch vom Alter und den salzig rauen Jahreszeiten. Der Blick über die Düne. Jeden Tag anders. Immer wieder neu. Mal still und klar wie ein Spiegel. Weite bis hinter den Horizont. Mal gleißend, voller Licht, tanzen tausend Diamanten auf den Wellen. Mal greifen Wolkenungetüme mit unförmigen Tentakelarmen bis aufs Wasser hinunter. Und die See wirft ihre Wut in schäumenden Wellenbergen mit Macht auf den Strand.

Dann liebe ich sie ganz besonders. Die See. Wenn sie wild und unzähmbar brüllt und tost und sich rücksichtslos die Welt einverleibt. Ihre Kraft lässt alles andere unwichtig erscheinen. Rückt zurecht, wenn der eigene Blickwinkel in Schieflage geraten ist. Denn menschliche Wichtigkeiten sind ihr einerlei.

Doch egal, ob morgensonnenwarm oder hartgefroren vom eisigen Nordost. Mit jedem Schritt an strandsandbedeckten Ufern entlang atme ich Freiheit und Frieden. Ich vergesse die Zeit. Träume. Bin. In diesem Moment. Als gäbe es nur den einen. Gedanken kommen und werden umgehend verschluckt. Vom steten Rauschen durch den Kopf. Die See hält nichts. Und doch nimmt sie alles mit. Zeitlos, denn die Zeit ist ihre Geliebte, bedeutet sie mir meine eigene Bedeutungslosigkeit.

Auf dem Steg der alten Dame, ganz am Ende des Geländers, dort, wo nur noch Weite vor mir liegt, werfe ich sie alle über Bord. Die Sorgen und Ängste. Die Zweifel und die Traurigkeit. Setze meine Träume wie Schiffchen aufs Wasser. Hoffe, sie mögen – von den Wellen und Wogen geschüttelt, nicht gerührt – eines Tages Wirklichkeit werden. Wenn ich nur ganz fest an sie glaube. Und weitergehe. Dorthin, wo noch niemand zuvor seine Stapfen in den Sand gedrückt hat.

Mein Weg bis hierhin? Verschlungen und alles andere als gerade. Voller Fehltritte und Umwege. Doch hier bin ich. Angekommen. In meinem Tempo. Auf meine Art.

Jeden Morgen wieder. Stehe ich und atme sie tief in mich ein. Die Bilder. Die Luft. Die Zufriedenheit, die sich in diesen einsam stillen Momenten auf mich legt wie die Erinnerung an das Lachen eines Herzensmenschen.

Leicht wird meine Seele. Frei von allem Müssen. Kopf aus, Herz an. Glückshormone tanken. Für einen neuen Tag. 


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