Freilaufen


Laufgedanken © Sandra Grüning
Laufgedanken © Sandra Grüning
Tausend Geistesblitze wirbeln durch meinen Kopf. Feiern Afterworkparty. Sturzbetrunken vom Staccato des alltäglichen Kreativitätsmarathons auf der Tastatur fallen sie übereinander her, bringen Chaos in meine Seele und mich aus dem Rhythmus.

Mancheiner dreht an solchen Tagen frei. Ich laufe mich frei.

Schon das Schuhebinden gehört dazu. Ist Ritual. Vorfreude. Doppelte Knoten für das Vergessen. Entschleunigte Gedanken machen sich auf die Reise. Lassen mich los. Wie einen Hund von der Leine. Geben mich frei.

Ich genieße den Moment, in dem die Welt unter meinen Füßen hinweggleitet. Der untergehenden Sonne entgegen, befreien meine Schritte mich von der Schwere des Tages. Vor mir die grüne Hölle. Ihr weit geöffneter Rachen verschlingt mich lautlos. Wie eine Zunge legt sich der Weg in meinen Lauf. Warmer Asphalt. Salz in der Luft. Freiheit. Vom Ufer der Steilküste rauscht das Meer als Erinnerung in meine Ohren. Doch das Grün verschluckt sein Werben und mich gleich dazu. Ich bin allein. Der letzte Mohikaner. Petra Panofski gegen den Rest der Welt. Ein innerer Drang treibt mich unaufhörlich tiefer in das dichte Astgeflecht der Bäume. Nur ab und an erlaubt das Blätterdach einen Blick in die Weite des Himmels. Die Sonne brennt sich durch dicke Buchenstämme hindurch in ihren Untergang. Überflutetet den Weg mit einem satten Gold. Ein Specht schlägt seine Liebesbotschaft per Morsezeichen in die Rinde eines uralten Baumes. Es geht bergab. Schneller und schneller rotieren meine Beine. Mein Puls schlägt Purzelbäume von Wurzel zu Wurzel. Eine Otter kreuzt meinen Weg. Entschlängelt sich grußlos ins Gebüsch. Es liegt an der Luft dieses Abends, die meine Sinne berauscht. Mich belebt. Mich die Welt wie neu erleben lässt. Frisch geschlagenes Holz. Feuchtes Moos. Tiefbraune Erde. Das Surren der Mücken. Der Wind in den hohen Kronen. Das Rascheln der Vergänglichkeit unter meinen Sohlen.

Und mit jedem Atemzug spüre ich sie. Die Energie. Wie sie kitzelnd sich durch meine Adern Bahn bricht. Ich bin frei! Und mit der Freiheit legt sich Frieden in mein unruhiges Herz.

Der Wald öffnet sich. Schwarz liegt der See vor mir. Unheimlich. Und doch wunderschön in seiner Dunkelheit. Anziehend. Als würde mich seine unergründliche Tiefe zu sich rufen. Ich klettere auf das Geländer des Stegs. Nicht erlaubt? Heute ist nicht erlaubt ausverkauft. Ich sitze also. Und bin. Lasse die Beine baumeln und beobachte die Wolken wie sie Träumen gleich über den schwarzen Spiegel zu meinen Füßen ziehen. Ganze Herden fantasiebeflügelter Ungetüme geben sich hier, in der Einöde, ein Stell-dich-ein. Stumm. Und doch beredt wie eine Kiste voller Seemannsgarn.

Den Kopf ausschalten. Runterfahren. Sein! Ich atme die Stille. Ankommen in mir. Hier in der Einsamkeit.

Wie lange ich dort saß? Ich weiß es nicht mehr. Eine wunderbare Ewigkeit. Bleischwer meine Beine. Federleicht der Kopf. Leer gelaufen. Die Schritte in die Wirklichkeit zurück, sie brennen. Feuer in den Muskeln. Feuer in der Lunge. Feuer in meinem Herzen. Die Stille des Sees zieht mich zu sich zurück. Aber unentwegt tragen mich meine Beine in Richtung Meer. Greifen Raum. Immer weiter und ausholender je näher ich dem beständigen Rauschen komme.

Und endlich. Vor mir. Blau in Blau. Weite im Blick. Bis an den Horizont, an dem sich winzige Spielzeugschiffe wie Perlen an einer Kette vor der großen Einfahrt aufreihen. Wartend, nach Hause zu kommen. Zufriedenheit legt sich in jede meiner Zellen. Ich lasse mich in den Sand fallen. Warm vom Tag fängt er mich auf. Die letzten Strahlen der Sonne im Rücken verharre ich. Reglos. Wunschlos. Angefüllt mit Glücksgefühl schaue ich auf die Wellen, die in trägen Schäumen von links nach rechts vorüberrollen. Dumpf verschlucken sie ihr eigenes Gemurmel.


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