Denkwürdigung-162


Angeschubst © Sandra Grüning
Angeschubst © Sandra Grüning

Mein Geburtstag bescherte mir in diesem Jahr so manch schöne Überraschung. Musikalischer Art. Lukullischer Art. Hochprozentiger Art. Literarischer Art. Letzteres in Form eines kleinen Buches. Nun ist das mit Büchern bei mir so eine Sache. Nicht, dass ich Bücher nicht mag. Weit gefehlt. Ich habe Unmengen davon. Sammle sie regelrecht. Ich lese viel und gern. Ich liebe Bücher. Ich inhaliere Bücher. Mehr noch: Ich verschlinge Bücher. Ich bin ein Bookeater. In meinem Fall also ein perfektes Geschenk.

Allerdings verhält es sich mit Büchern bei mir so wie mit einem guten Whisky. Sie brauchen Zeit. Müssen erst eine Weile liegen in meinen Holzregalen, ruhen so zu sagen, Reife bekommen. Bevor ich mich an ihren Genuss wage. Das kann bei dem einen oder anderen Wortgebinde auch mal Jahre dauern. Womit ich mir schon so manch verschnupfte Bemerkung eines einstigen Gabengebers an meinen Nichtgeburtstagen einfing.

Überkommt mich die Lust auf ein neues Buch, gehe ich an den Reihen illustrer Zeitverschönerer und Fantasiebeflügler vorbei, streiche liebevoll mit den Fingern über ihre Rücken und Einbände und lasse mein Herz entscheiden, an welchem Wortwerk ich mich als nächstes gütlich tue.

Doch mit diesem Geburtstagsgeschenk verhält es sich anders. Denn aus irgendeinem Grund hat es mich erwählt. Und gegen sein stetes Werben bin ich machtlos. Es lässt mir keine Ruhe. Wie es so daliegt. Auf dem Tisch. Klein. Und schwarz. Und mir mit seiner krakeligen Schrift immerzu nur eine einzige Frage entgegen wirft:

Findet mich das Glück?

Ja, keine Ahnung. Sucht es mich denn? Was ist das für ein Titel?! Unverschämt! Frech! Irgendwie. Schließlich setzt es glattweg voraus, ich befände mich in einer unglückseligen Gemütslage. Mitnichten. Ich fühle mich glücklich. In meinem Leben. In mir. Und mit mir. Zwar nicht permanent. – Wäre das möglich? Ein immer währender Glückszustand? – Aber dann und wann. In der einen oder anderen Situation. Auch mal öfter. Und anhaltend. Begleitet von einem wohlig zufriedenen Bauchgefühl. Ja! Wozu muss es mich noch finden? Da es mich längst gefunden hat! Denke ich, sitze da mitsamt dieser indiskreten Frage und ertappe mich dabei, wie ich diesen Provokateur bereits in den Händen hin und her wiege und in seinen nachtsamtenen Seiten umher blättere.

Und finde darin nur noch mehr Fragen. Von vorn bis hinten. Von hinten nach vorn. Fragen über Fragen. Nur die Antworten, die ein Buch doch normalerweise zu geben pflegt und ganz besonders solche Glücksverheißer, fehlen. Gekrakel auf jeder Seite – weiß auf schwarz, wirr nummeriert, durchgestrichen, mit infantilen Zeichnungen dekoriert. Was haben sich die Herren Autoren dieses monochromen Blattwerkes namens Fischli und Weiss nur dabei gedacht? Es ist, als würde mich dieses kleine Büchlein verhöhnen. Auslachen, weil ich völlig ratlos in es hinein und wieder heraus schaue. Verwirrter. Unwissender im Nachgang als zuvor.

Aber stetes Blättern…
Unweigerlich und gänzlich unfreiwillig fängt es an, in mir zu arbeiten. Denn die Fragen beißen sich fest. Bringen die Gedanken dazu, sich auf den Schnellstraßen meiner Synapsen zu überschlagen. Funkensprühend kippen die Denkanstöße über die Welt meine Welt einmal auf den Kopf und schütteln ein paar Sinnlichkeiten und Sinnigkeiten und so manch Unsinnigkeit heraus.

Wer weiß, vielleicht geht es beim Schmökern in diesem Buch ja gar nicht darum, wie ich noch glücklicher werde, als ich es schon bin. Vielleicht geht es nicht um Antworten, die mir das Buch geben kann, sondern um Antworten, die in mir – ähnlich einem guten Whisky im Fass – nur darauf warten, dass ich ihren Gehalt selbst entdecke. Um meine Antworten auf das große Weltgetöse. Vielleicht geht es darum, mich selbst mal zu fragen, wie glücksfeinfühlig ich noch bin. Ob ich überhaupt noch merke, wenn das Glück an meine Haustür klingelt. Vielleicht geht es darum, mir vor Augen zu halten, was ich doch manchmal für ein Glückspilz bin.

Klar, geht es immer besser. Und so richtig schön wird’s nie. Weiß der Volksmund, der nur all zu schnell zum Neid neigt und zum unglückseligen Vergleich. Bin ich nicht oft vom Glück schon viel zu verwöhnt? Nehme Glücksgefühle als alltäglich hin und werde dabei zu einem wahren Glücksnimmersatt, der wie ein Glücksjunkie nach immer höheren Glücksdosen lechzt? Das Glück als solches zu empfinden und jeden einzelnen Glücksmoment ganz bewusst zu leben und zu erleben, wünsche ich mir. Soweit zu meinem Vom-Glück-gefunden-werden-wollen. Frei nach dem Motto: Glücklich ist der, der sich glücklich fühlt!

Wann immer ich also dieses Büchlein nun in die Hand nehmen mag und mir zu einer seiner Fragen, ein, vielleicht sogar ein zweiter Satz an Denkwürdigem einfällt, werde ich das Gefundene hier vermerken. Damit mir immer wieder zwischen den Zeilen aufgehe, wie schön diese Welt und wunderbar verrückt das Leben ist.

 


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