Perspektivwechsel


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Höhenrausch © Jörg Vietze

Als meine Beine in 4000 Metern luftiger Höhe aus dem Flugzeug baumelten, fühlte ich zum ersten Mal in meinem Leben, was wirklich Angst ist. Ich meine nicht die Art von Angst, die sich mit Augen zu und durch überwinden ließe. So man etwas ganz unbedingt wolle. Ich meine die pure Angst ums nackte Leben. Um mein Leben. Kurzum ich hatte Todesangst.
Doch in dem Moment, in dem ich in der offenen Flugzeugtür saß und auf das grenzenlose Blau der See hinunterblickte, hatte ich längst keine Wahl mehr. Ich hatte mich entschieden. Entschieden, mein Leben einem anderen Menschen anzuvertrauen. Es in die Hände von Timm zu legen.

Timm. Hamburger. Schokoladenaugen. 100 Kilogramm Lebendgewicht. Ein Berg von einem Mann. Ein athletischer Riese. Sympathisch. Nicht nur, weil mehr als 3000 Fallschirmsprünge auf dem Sprungkonto. Aber ermutigend! Und die Ruhe in Person. Und die hatte sich bis zu dieser Sekunde trotz des schwindelerregenden Höhenfluges in einer Maschine ohne Sitze auch wunderbarer Weise auf mich übertragen – inklusive beruhigendem Herzschlag meines Vordermannes. Aber nun ist diese heldenkühne Gelassenheit spurlos verschwunden.

Mein banger Blick klammert sich an den Kameramann Jörg, der wie ein Fähnlein im Flugwind an der Griffleiste unserer Freifallmaschine namens Caravan flattert. Daumen hoch gereckt. Zähne zum Blendaxlachen gefletscht. Mein letzter Strohhalm. Ein Hoffnungsschimmer. Schüchtern glitzert er auf meinem gefluteten Adrenalinpegel. Aber zu spät. Timm fackelt
nicht lange, schwingt sich und mich einmal nach hinten und springt mit mir im Känguru-Beutel vor der breiten Brust beherzt in die Tiefe. Ich schreie mir die Seele aus dem Leib – Mozarts Königin der Nacht würde blass vor Neid -, sehe überall nur Wasser und irgendwo am Rande der Verzweiflung einen grün-gelb-braun gemusterten Flicken. „Meine Insel“, schießt mir neben Gedanken wie „Das war’s“ oder „Hier kommst du nie lebend runter“ durch den Kopf. Insel. Sterben. Insel. Sterben. Insel. Sterben. Das alles in Bruchteilen von Sekunden. In Endlosschleife.

Da tippt mir jemand auf die Schulter und reißt mich aus meiner Panik. Stimmt, da war ja noch was. Timm und der Fallschirm. Urplötzlich durchströmt mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Erleichterung pur. Und endlich wird mir klar: Ich fliege! Fliege!! Frei wie ein Vogel!!! Auch wenn ich vielmehr falle. Aus allen Wolken. Und das mit einer Geschwindigkeit von 180 Kilometern in der Stunde. Unaufhaltsam. Der Erde entgegen.
Herzklopfen bis in die Haarwurzeln. Die Lebensgeister hellwach. Im Freudentaumel. Völlig euphorisch muss ich lachen, schlucke Luft und kann doch nicht aufhören, zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd. Ich bin im Rausch. Mein Körper unter Strom. Feuerwerke in jeder Zelle. La petite mort im Kopf.

Als Timm den Schirm öffnet, ist es als hingen wir nicht nur in der Luft, sondern auch in der Zeit. Die Welt erstarrt. Als hielte sie den Atem an. Der Blick über die Insel grandios. Dabei unbeschreiblich. Wie die Liebe auf den ersten Blick. Ihr Achterland mit den verwinkelten und verwunschenen Buchten. Ausladend. Verführerisch. Ihre Taille dünn wie ein Streichholz. Das glitzernde Haff. Die weiße Linie des Strandes. Und Wald wohin ich nur schaue. Überall Wald.
Traumhaft. Wunderschön!

Der Wunsch: Dieser Augenblick möge andauern. Womöglich ewig. Warum nicht?! Bleibt unerfüllt. Die Gesetze der Physik gelten offensichtlich auch für mich. Von wegen Fliegengewicht. Die graue Narbe der Landebahn wird größer und größer. Bis ich sie nicht mehr ignorieren kann. Die Landung auf dem Allerwertesten. Weicher als befürchtet. Hundert Kilogramm sind ein wunderbares Polster.
Dabei wollte ich gern noch bleiben. Eine kleine Weile länger schweben in der Zeit. Die Weite in mir und um mich genießen. Die Glücksgefühle wie Gedankensplitter in mich aufsaugen. Sie noch einmal und noch einmal und noch einmal erleben.

Jetzt stehe ich wieder mit beiden Beinen fest auf der Erde. Staune über die Welt, die von oben so gänzlich anders ist. Nichts ist mehr wie es war. Verrückt. Zurechtgerückt. Die Perspektive gewechselt. Mein Blick in den Himmel. Von nun an ein anderer. Einer mit einem Lachen im Herzen. Denn ich weiß jetzt, dass aus allen Wolken fallen, nicht unbedingt das Schlimmste sein muss.


4 Gedanken zu “Perspektivwechsel

    1. 😉 Lieber Joseph, schön, dass es Dir wieder gut geht. Denn das klingt ganz nach dem Charmeur, den ich so liebe. Und um auf Deine Frage zu antworten: Beides ist berauschend schön. Der hohe Adrenalinpegel in 4000 Meter Höhe ist schon sehr speziell. Aber auch der Strand bietet wunderbare und beflügelnde Momente…

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