Dolcefarniente


Wolkenträume © Manuel Rodríguez Sánchez
Wolkenträume © Manuel Rodríguez Sánchez

Ausbrechen. Ausreißen. Auszeiten.
Fünf Tage im Paradies im Nirgendwo. Fünf Tage nur für mich. Fünf Tage ohne Fernseher. Ohne Hightech-Schnickschnack. Ohne Pflichten und Verpflichtungen. Und sogar ohne Fön. Aber wen kümmert schon eine naturgegebene Chaosmatte im Paradies im Nirgendwo? Selbst das Radio bleibt stumm. Fünf Tage lang. Die Welt könnte untergehen. Ich würde es in meinem Garten Eden nicht einmal merken.
Paradiesisch, das ist dieses Nirgendwo wahrhaftig. Paradiesisch schön. Paradiesisch still. Paradiesisch einsam. Was will ich mehr? Das Ziel all meiner wochenlangen Träume, die ich im Bunkerbüro mit verklärtem Blick aus bildschirmeckigen Augen mir in schillernden Farben ausmalte. Eine Atempause, nach der ich mich beim Klinke-in-die-Hand-geben von wichtigen Nichtigkeiten und hinter dem eingemeißelten Lächeln bei Schlag-auf-Schlag-Terminen bis zum letzten Tag so gesehnt habe. „Ich weiß, du brauchst Urlaub. Aber kannst Du nicht noch? Nur für mich…?“

Nun ist es endlich so weit!
Frei sein. Für mich sein. Abschalten. Runter kommen. Heißt: Auf Null kommen. Um endlich die Ruhe, die mich in diesem Paradies umgibt, auch in mir wieder zu spüren.
Aber so leicht ist das mit dem Abschalten und dem Nichtstun gar nicht. Da sitze ich auf den Stufen zur Terrasse, lausche dem Plätschern des Teiches und frage mich: Was nun? Waren vorher so viele Dinge zu bedenken, zu tun, zu entscheiden, dass mein Kopf sich anfühlte, als sei dort eine Granate eingeschlagen, klafft plötzlich gähnende Leere. Und Traurigkeit. Und dann das Zucken in den Fingern nach den drei, gerade erst abgeschalteten, kleinen w’s. Doch netzlos, dafür gedankenfrei bin ich hier. Das Suchen nach einer Aufgabe? An diesem Ort völlig fehl am Platz – sinnfrei. Zum Nichtstun verurlaubt.
Fünf Tage… Was habe ich mir dabei nur gedacht? Was habe ich gehofft zu finden? In dieser Einsamkeit! Was, wenn es hinter all dem, gar nichts zu finden gibt?

Aber so schnell gebe ich nicht auf. Habe ich ohnehin noch nie. Nur die Sache mit der Geduld ist nicht unbedingt die meine. Alles immer auf einmal. Und zwar jetzt! Und sofort! Vielleicht finde ich sie hier. Im Paradies. Die Gelassenheit, die Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen.
So lege ich mich denn ins Gras. Hab ja sonst nichts weiter zu tun. Ich spüre, wie der weiche Teppich unter meinem Gewicht nachgibt, wie die Halme sich an meinen Körper anschmiegen, meine Haut kitzeln. Tausend Gedanken schwirren durch meinen Kopf, machen ihn zu einem geschäftig brummenden Bienenstock. Doch nach und nach fliegen sie allesamt aus – meine ungestüm rastlosen Gedanken. Hinterlassen heilsame Ruhe.
Nur daliegen. Dem Wind zuhören, der durch die Krone des alten Baumes raschelt. Von Weitem weht Glockengeläut zu mir herüber. Und das Gefühl von Kindheit macht sich breit. Ich schaue den Wolken nach, wie sie als kuriose Fabeltiere mit Häusern auf dem Rücken am Himmel in die Ferne ziehen. Ganz unvermittelt löst sich wie aus dem Nichts des Hellblaus ein zarter weißer Schleier. Verdichtet sich. Wächst. Bis er schließlich so groß ist, dass er den Namen Schäfchenwolke verdient und sich zu den anderen seiner Herde gesellen darf. Und mein Ich löst sich aus dem arbeitsmatten Körper. Springt mitten auf eines dieser federleichten Wattebauschschäfchen und schwebt mit ihm auf und davon.
Ich beobachte wie die Welt tief unter mir vorbeizieht. Ängste werden winzig. Bis sie so klein erscheinen, dass sie kaum mehr real sind. Niemand will etwas von mir. Niemand erwartet etwas. Niemand sagt mir, was ich tun müsse. Ich bin frei!

Wie oft leben wir nur für andere?! Messen unser Leben an dem anderer. Bin ich aktiv genug? Erlebe ich genug? Und vor allem: Erlebe ich auch das Richtige? Das Angesagte? Bin ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Und das mit den richtigen Leuten?
Will ich das wirklich? Ständig mit der Zeit gehen? Sprich, dem Leben immer hinterherrennen? Mein Leben nach den Vorstellungen anderer gestalten?

Und während ich so auf meiner Wolke über das Paradies schwebe, beginne ich mich zu fragen, was ich eigentlich vom Leben erwarte. Wie ich mir Leben vorstelle. Und plötzlich steigen Wünsche in mir auf. Sie kommen tief aus meinem Bauch. Und sie haben nicht unbedingt etwas mit den Lebensplänen anderer gemein. Aber sie wollen gelebt werden! Von mir! Und so kippe ich Altes, Verbrauchtes und Zu-eng-Gewordenes über Bord. Mache Neuem Platz. Menschen, denen ich mehr aus Gewohnheit, denn aus Wertschätzung viel zu viele meiner Gedanken zugedacht und von denen ich einst glaubte, sie bedeuteten mir alles, gehen von der Bühne ab, die meine Welt bedeutet. Und ich lasse jene ins Rampenlicht treten, die wirklich meine Seele berühren.

Es wird frisch. Der Abend zieht herauf. Und meine Füße werden klamm und krampfen. Aber ich will noch nicht hineingehen. Will noch einen Moment lang genießen. Es ist, als hielte die Zeit den Atem an. Nur für mich. Und so bleibe ich liegen, inhaliere die Stille, wünsche mir, das Lärmen in meinem Inneren, durch sie zur Ruhe kommen zu lassen.
Und sie hilft tatsächlich. Denn es kommt alles nach draußen, drängt wie bei der Osmose auf einen Ausgleich zwischen Innen und Außen. Zwischen Trubel und Muße. Gefühle, die so lange im Verborgenen geschlummert, die unablässig im Kreis sich gedreht haben, die vergessen oder zugeschüttet waren, werden wach, erheben sich und wandern an die Oberfläche – unaufhaltbar wie die Flut. Und ich liege in meinem Paradies, beobachte wie die Schatten um mich länger werden und halte Audienz. Ich lasse jedes dieser Gefühle an mich herantreten, wende, prüfe, durchlebe es und trage es eine Weile in meinem Herzen. Bei manchen empfinde ich unbeschreibliche Freude, Glück, Zufriedenheit, während andere mir den Magen umdrehen, mich foltern und quälen und mich unsagbar traurig machen. Aber auch sie gehören zu mir. Sind Teil von mir. Machen mich zu derjenigen, mit der sich Menschen gern umgeben.
Und so wird die allabendliche Stille zu einer Art Kontemplation für mich – über Gelebtes, Gefühltes, Gewünschtes.

Und ich tue Dinge, die ich schon immer einmal machen wollte:
Dem Sonnenaufgang entgegen schwimmen. Verrückt, weil eiskalt, aber einfach nur beglückend. Oder jedem Menschen, dem ich beim Einkaufen in diesem kleinen Ort begegne, einen schönen Tag wünschen. Nur die ersten zwei Gestalten schauen etwas verdutzt in die Gegend auf der Suche nach der versteckten Kamera. Beim Dritten glaube ich selbst schon fest an mein gewinnendes Lachen. Und die Vierte strahlt mich so selig an, dass ich vor Freude gleich mal mein ganzes Kleingeld vor ihre Füße kullern lasse.

Schon mal ein nettes Gespräch mit einer Kuh gehabt? Seit meine Paradies-Nachbarin mir mit sanften braunen Augen in mein Herz geblickt, weiß ich, Kühe sind durchaus gutmütige und äußerst geduldige Wesen und schüchtern. Aber auch ein wenig eintönig. Um nicht zu sagen einfältig. Denn das absolut liebste Gesprächsthema meiner Nachbarin ist Essen. Und sie wird nicht müde, mir ihre neuesten Rezepte wieder und wieder vor zu käuen.

Und dann gibt es in meinem Paradies die Sonnenuntergänge. Mal grandios und in tausend Farben explodierend. Mal ganz still und leise und flammend. So wie am letzten Abend. Vollkommen lautlos geht der riesige Feuerball im Schilfmeer unter. Seinen blutroten Schweif zieht er wie die Schärpe einer Königsrobe über das Wasser hinter sich her. Übrig bleiben nur ein paar rosarote Schäfchenwolken an einem babyblauen, endlos weiten Himmel. So surreal wie das Wunderland von Alice. Und genauso wunderschön.
Und ich radle mitten hindurch durch diese wunderbar weitläufigen Wiesen. Die Farben so satt, so gestochen scharf, dass sie mir in den Augen weh tun. Die ganze Welt scheint mir um so vieles schärfer und klarer. Seit diesen fünf Tagen. Ausbrechen. Ausreißen. Auszeiten. Fünf Tage nur für mich.
Fünf Tage, in denen ich herausgefunden habe, was Stille ist. Und wie wohltuend Nichtstun sein kann.
„Grazie per il dolce far niente.“


4 Gedanken zu “Dolcefarniente

  1. Wirklich eindrücklich -Chapeau! Deine Zeilen müssten jeden gestressten Mann/jede gestresste Frau dazu veranlassen, gleiches zu tun. Man braucht eben nur den Mut dazu und stellt dann hinterher fest, wie gut es einem getan hat. Auf ein weiteres Dolcefarniente! Lieber Gruss aus dem Süden – Chris

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