Flügel

Ich habe keine Worte – für das, was ich wirklich will. Sie sind mir ausgegangen. Ausgeflogen. Verloren gegangen.
In mir ist Leere – heilsame Leere. Wundervolle Leere. Ruhe. Und sie breitet sich aus. Nimmt mich vollständig ein. Ich stehe am Ufer meines Gefühlemeeres, schaue in die Weite und höre in mich hinein. In die Stille. Herrlich!
Die Tür ist zu. Unabänderlich. Und wie ein Tsunami überrollt das, was eben so ruhig dagelegen, mich plötzlich. Und sie sprudeln aus mir heraus, die Gefühle. Es sind so viele. Und sie kommen alle auf einmal.
Wut. Enttäuschung. Ablehnung. Angst. Eifersucht. Gekränkte Eitelkeit. Aufbegehren. Begierde. Sehnsucht. Hoffnung. Liebe. Mut. Und Hochmut.
Unglaublich! Und ich schreie sie allesamt in den Wind auf das offene Meer hinaus.
Aber was bleibt übrig, wenn alles draußen ist? Wird dann plötzlich alles klar?
Nein. Nicht wirklich.
Wusste ich gestern oder vor ein paar Tagen noch ganz genau, was ich will, was ich fühle. Ist das alles in diesem Moment für mich nicht mehr greifbar. Entgleitet mir wieder und wieder in den Nebel, der über mein Gefühlemeer in weißen Schleiern weht.
Das Gefühl ist noch da. Keine Frage. Ich spüre es in mir. Aber es ist weit weg und ungewohnt fremd. Anders. Neu.
Was war es gleich noch, was mich einst anzog? Mein Innerstes so berührte, dass dessen Verlust mir gestern noch so weh tat?
Ich weiß es nicht. Nicht mehr. Der Mensch vergisst so unglaublich schnell. Vor allem das Wichtige.
Und oft sich selbst. Um nicht zu verlieren, schleift er seine Ecken ab, redet nach dem Mund, macht sich klein. Und verliert dadurch nur um so mehr.
Wenn ich eines weiß, dann, dass ich das nicht will! Mich anpassen. Mich verbiegen. Mich fügen. Das sein, was du gerne hättest, was andere wollen.
Und wenn ich damit noch mehr Türen zuschlage, dann ist das so. Ich kann es nicht ändern. Aber aushalten. Denn ich bin anders. Denke anders, handle anders, fühle anders. So bin ich!
Neugierig schlendere ich nun am Strand meines Gefühlemeeres entlang und ergründe, was die Wellen aus meinem Inneren ausspülen. Hinterfrage jedes dieser Gefühle – nicht mit meinem Verstand. Ich bin einfach kein Vernunftmensch. Sondern mit meinem Bauch, der still und leise sich zusammenzieht und mir dennoch so eindeutig meinen Weg weist. Wortlos.
Wohin mein Bauch mich führen wird? Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Aber auf jeden Fall zu mir!