Herztöne


Break of Reality’s Patrick Laird performs „Julie-O“, written by Mark Summer of the Turtle Island Quartet

 

„Du spieltest Cello. In jedem Saal in unsrer Gegend. Ich saß immer in der ersten Reihe. Und ich fand dich so erregend…“

Sorry Udo. Aber bis zu jenem Sonntag im März war Cellomusik nie etwas für mich. Zu schrummelig, zu schwermütig, zu beklemmend. Jedes Anreißen der Saiten mit dem Bogen hatten meine Ohren, meine Nervenbahnen, mein ganzes Ich aufs Äußerste strapaziert und mich enormes Durchhaltevermögen und noch mehr Geduld gekostet. Bis zu eben jenem einen Moment, in dem – meine Fingernägel hatten sich längst bis an die Schmerzgrenze in die Haut meiner Handflächen gebohrt – meine Seele wie eine C2-Saite zum Klingen gebracht wurde.

In stiller Erwartung des Unausweichlichen hatte ich an jenem Vormittag im Atelier eines bekannten Künstlers bereits die Augen geschlossen. Hatte tief in mich hinein gehört. Dorthin, wo Metallica und Rammstein sich in einer wunderbaren Kakophonie vereinten. Nur, um diese zartschmelz-samtig-deprimierenden Töne nicht all zu laut an mein Herz gelangen zu lassen. Doch das, was dort vor mir sich als „Julie-O“ aus dem hölzernen Instrument ergoss, war alles andere als nervtötend. Sondern in höchstem Maße erregend, inspirierend, fesselnd und befreiend zugleich. Plötzlich war alles anders. Plötzlich war alles neu. Klar und pur.

Schon die ersten Töne, die diese zarten Hände den Stahlsaiten zupfend entlockten, fuhren mir geradewegs wie ein abstürzender Fahrstuhl in den Magen. Sie entführten mich ad hoc und ungebeten meiner Lethargie. Wassertropfen, die in meine Seele perlen. Ich betrachtete die Finger der Cellistin, die behende wie ein Kolibri über die Saiten flogen, ließ mich mitreißen, fortreißen in eine Welt aus purem Gefühl. Vor meinen Augen erstanden Wälder buntbelaubt und sonnenbeschienen. Blätter flogen leicht. Schwalben jagten sich über die Weite, an dessen Horizont sich das Meer schmiegte. Ich sah die Wolken sich in kristallklaren Seen spiegeln. Überflog mit meinem Geist sanfte Hügel, auf denen sich die Halme in den lauen Wind legten. Roch frisches Gras und feuchte Rinde. Meine Haut war elektrisiert, mein Körper vor Ergriffenheit erstarrt. Jeder Ton hinterließ ein Echo, dem ein weiteres folgte. Und hinter meinen geschlossenen Lidern entsprang eine Quelle, die mitten aus meinem Herzen zu sprudeln schien. Ich konnte sie nicht aufhalten. Wollte es gar nicht.

Erst als ich den letzten Ton in meinem Inneren verhallen hörte, öffnete ich meine Augen. Und meine Nachbarin – eine mir unbekannte Frau – nahm mit weitem, sorgenschwangerem Blick meine Hand in die ihre und fragte mitfühlend: „Geht es Ihnen gut?“ Und ich lächelte sie aus glitzernden Sternen heraus an und antwortete: „Ja! Es geht mir sehr gut.“


One thought on “Herztöne

  1. Ich sitze grad im Zug zum Flughafen! Es ist spaet und meine Augen schliessen sich schon fast von selber vor Muedigkeit! Und dann lese ich Dein wunderbares Musikabenteuer – ein Meisterwerk par excellence – was mich so ergreift und verzaubert, dass ich es in meinen Traeumen selber erleben moechte. Ich weiss schon ich werde den Kolibri auf den Cellosaiten tanzen sehen :-)! Schoene Ostern mit vielen suessen Schoggo Bunnies.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s