Vorbeigelebt


Liebevoll streichelt sie über den polierten Stein. Spürt seine Kälte. Die glatte Oberfläche. Er ist alles, was noch da ist. Beweis für ein ganzes Leben. Mehr ist ihr nicht geblieben.

Ihre Hände zittern leicht. Dicke blaue Adern überziehen wie ein wirres Geflecht die dünne Haut. Wulstig bäumen sie sich dort auf, wo gichtverformte Knochen und Sehnen ihnen den Weg versperren. Pergamentflecken. Von der Sonne und von schwerer Arbeit gezeichnet.

Fast ihr ganzes Leben hatte sie gewartet. Auf den einen, den richtigen Moment. Die richtigen Worte. Aber sie sind nie über ihre Lippen gekommen.
Und der Augenblick… Wieder und wieder verstrichen. Zu feige, sich ihm zu stellen. Zu groß die Angst. Vor dem Nichternstgenommenwerden. Vor der Zurückweisung. Einem Nein. Der Enttäuschung. Vor dem Verletztwerden. Vor dem Bruch.

Ausreden gab es unzählige. Jetzt war es zu spät. Für immer.

Ihre Augen flimmern. Füllen das Altersgrau mit einem Meer aus Bitterkeit.  Unausgesprochene Worte. Sie bleiben ihr. Bis auch sie gehen wird.

So viele Bilder. Erinnerungen. So lange trägt sie sie schon in sich.
Du sollst nicht begehren deines nächsten…

Sie war ihre beste Freundin. Immer. Selbst im Tod. Selbst als er sie gefragt hatte, ob sie ihn heirate. Es war der schlimmste Tag in ihrem Leben. Wie ein Skalpell hatte es ihr das Herz zerschnitten. Einmal mittendurch.
Sie war so hübsch als Braut. Und er so anziehend, so erregend. Jeder Blick hatte ihr Herz bis zum Hals schlagen lassen. Jede noch so kleine Berührung ihre Haut in Brand gesteckt.

Aber sie hatte nichts gesagt. Nie! Auch all die Jahre danach nicht. Selbst dann nicht, als er sich längst am Sterbebett von ihr verabschiedet hatte. Bis heute. Eisiges Schweigen. Es war ihr zum Vertrauten, zum ständigen Begleiter geworden.

Dabei hatte sie sich so sehr gesehnt. So sehr – bis nichts mehr in ihr war. Zurückgeblieben ist nur ihr versteinertes Herz. Runzlig und verdorrt hängt es in ihrer Brust. Und schlägt. Und schlägt. Für ihn. Immer nur für ihn.

Sie sieht die Jahre an sich vorbeiziehen. Das viele Selbstmitleid. Die Resignation. Bis hin zur völligen Selbstaufgabe. Hadert. Mit dem Schicksal. Der Welt. Aber am allermeisten mit sich.
Warum? Warum nur hatte sie es nie gewagt?!

Sie tätschelt den kalten Stein. Als wäre er eine Hand, die sie beruhigen könnte. Oder ist sie es, die Ruhe braucht? Ruhe in ihrer Seele. Ruhe in ihrem Herzen.

Sie betrachtet die goldenen Buchstaben, die wie von der Sonne in den harten Stein gemeißelt scheinen. Sie liest seinen Namen. Stellt sich vor, wie er klingend über ihre Lippen perlt. Eine Weile verharrt sie in den Tiefen seiner Silben, wendet sich ab. Und im Gehen trägt der Wind mit sich fort, ein Flüstern, ein Raunen: „Ich liebe dich!“

Alte Frau


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