Hab ich einen Kater! Mir dröhnt der Schädel wie ein Schiffsmotor. Zum Seegang außerhalb meines Körpers kommt der im Kopf dazu. Keine gute Kombi. Brennivín ist schon ein krasses Gesöff. Mein letzter gestern muss schlecht gewesen sein. Ich brauche unbedingt einen Eimer Wasser und frische Luft. Mit leicht wackeligen Beinen stehe ich jackenlos fröstelnd an Deck und lasse mir vom Wind die Kopfschmerzen wegpusten. Die immer höher kletternde Sonne über dem Meer ist ein Traum.

Im Gespräch: Andree Kaiser (links) und Stefan © Sandra Grüning

Im Gespräch: Andree Kaiser (links) und Stefan © Sandra Grüning

Andree Kaiser – unser Ankerherz-Fotograf – ist nicht nur ein guter Freund von Stefan, mit dem er schon oft zusammen gearbeitet hat, er ist auch ein echtes Ostkind. Genauso wie ich. Doch hat Andree eine viel krassere Lebensgeschichte hinter sich. Im Gespräch mit Stefan erfahren wir mehr über den Mann mit den Wuschellocken.

Das Fotografieren hat Andree von seinem Opa gelernt. Eine Fotografenlehre aber hatte ihm das DDR-Regime verwehrt. Er war nicht angepasst genug. Jung und wild wollte er wie viele junge Leute leben und das Leben genießen – ohne Zwang und vorherbestimmte Bahnen. Und geriet deshalb nicht selten mit der Staatsobrigkeit aneinander. Nach dem Tod seiner Oma wusste er, dass er raus muss aus der DDR. Es gab keine Perspektive. „Wir haben uns nur im Kreis gedreht. Haben im Westfernsehen andere Lebenswege, Lebensmöglichkeiten gesehen. Ich passte einfach nicht ins DDR-System“, erzählt er. Mit einem Freund wollte er von der Tschechoslowakei nach Österreich fliehen. 1982 war das. Andree war da gerade einmal 17 Jahre alt. Aber beim Übersteigen des Grenzzauns wurden beide gefasst. Drei Jahre saß er im Gefängnis unter Bedingungen, die ich mir kaum vorstellen kann oder möchte.

Nach der Haftentlassung reiste er aus und verwirklichte sich seinen Traum, Fotograf zu werden. Seine erste Kameraausrüstung hat er sich als Tellerwäscher erarbeitet. Die taz, der Stern, Reuters, Die Zeit, Time Magazine, Geo, Spiegel, Süddeutsche Zeitung – sie alle haben seine Bilder abgedruckt. Er war überall auf der Welt. Geschichten wurden sein Leben. Für eine Geschichte über Tötungslager in Bosnien haben er und sein Reporterkollege sogar den Pulitzer-Preis bekommen. Dass er auch gefährliche Geschichten fotografieren konnte, habe er seiner Haftzeit zu verdanken. Denn ohne sich dessen bewusst geworden zu sein, habe er dort gelernt, unsichtbar zu sein. Für einen Fotografen perfekt. Seine Lebensgeschichte ist so spannend, dass der Ankerherz-Verlag sie im Buch „Nur raus hier.“ veröffentlicht hat. Heute lebt Andree in Freiburg – was mir natürlich gleich ein Lächeln und jede Menge Erinnerungen entlockt. Ich bin schwer beeindruckt.

Unbeschreiblich schön © Sandra Grüning

Unbeschreiblich schön © Sandra Grüning

Die Durchfahrt durch die Føroyar Inseln ist so atemberaubend schön, dass ich dafür kaum Worte finde. Eine Natur, wie aus dem Bilderbuch der Schöpfung. Manches muss man mit eigenen Augen sehen, um seine Schönheit zu begreifen. Ich fühle mich winzig angesichts einer solchen Schönheit. Beim Bauen der Felspyramiden muss Gott verliebt gewesen sein.

Kontemplativ © Sandra Grüning

Kontemplativ © Sandra Grüning

Wir laufen in den Hafen von Tórshavn ein. Jógvan hatte uns einiges empfohlen, was wir uns anschauen oder in das wir einkehren können. Gómagott – eine Manufaktur, die färingische Schokolade herstellt, ist mein Anlaufpunkt. Meine Augen beginnen zu leuchten beim Anblick der schokoladigen Teilchen. Ich schlage bei diversen Leckereien zu.

Feinste Fähringer Schokolade © Sandra Grüning

Feinste Fähringer Schokolade © Sandra Grüning

Und dann komme ich endlich in den Genuss eines lang ersehnten Hotdogs. Das Fisk & Chips öffnet extra für uns ein bisschen früher. Wir bestellen gleich zehn Stück. Der beste Hotdog im Umkreis von 800 Seemeilen, behauptet Stefan. Und er hat recht. Ich habe zwar noch nie einen Hotdog mit Rotkohlrohkostsalat probiert, aber er schmeckt köstlich.

Der leckerste Hotdog ever © Sandra Grüning

Der leckerste Hotdog ever © Sandra Grüning

Das Licht und die Atmosphäre im kleinen Hafen sind traumhaft. Die Boote und Kutter spiegeln sich im eisigen Wasser. Im Hintergrund ragt die Norröna auf. Die Stadt ist absolut süß und idyllisch mit ihren kleinen Häuschen, den urigen und typisch nordischen Läden und Lokalen, den Lichterketten überall und dem vielen Schnee.

Ein malerisches Fleckchen © Sandra Grüning

Ein malerisches Fleckchen © Sandra Grüning

Im Paname Café gönnen wir uns einen Cappuccino. Ebenso in der Essabarr, einer coolen Bar direkt am Hafen, das einst das Haus des Schneiders Essabarr war. Ein schönes Wortspiel. Dass eine so kleine Hauptstadt – stolz sagen die Føroyar, sie sei die kleinste der Welt – so viele Bars und Cafés hat, hätte ich nicht gedacht. Toll!

Das Paname Café © Sandra Grüning

Das Paname Café © Sandra Grüning

Die Essabarr © Sandra Grüning

Die Essabarr © Sandra Grüning

Zurück an Bord gibt es wieder Seemannslieder und herzerfrischend schöne Seemannsgeschichten. Es ist Singnotrettungszeit mit Ben O.. Wir müssen uns allerdings sputen. Denn es sind Nordlichter vorausgesagt. Bei -12 Grad wird das Fotografieren ein frostiges Unterfangen. Der Seegang erschwert es zusätzlich. Wir starren gebannt in die Nacht und sehen tatsächlich ein paar leicht grünliche Schleier. Doch so beeindruckend wie ich sie schon auf Bildern gesehen habe, werden sie nicht. Irgendwann werde ich sie noch einmal richtig sehen. Schließlich sieht man sich immer zweimal. Aber dafür, dass die Wahrscheinlichkeit Nordlichter zu sehen, am Anfang der Reise gen Null ging, wurden wir doch wenigstens mit ein paar schönen Bildern beglückt.

Góða nátt. Vit síggjast í morgin.

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[Der Text enthält Werbung aufgrund von Namensnennung! Alle Anregungen und Vorschläge, Empfehlungen und Bewertungen sind jedoch meine eigene Meinung und mein ganz persönlicher Geschmack, der gerne geteilt, aber auch anders empfunden werden kann.]

Streetart Tórshavn © Sandra Grüning

Streetart Tórshavn © Sandra Grüning