
Einmal mit einem solch unaussprechlichen Namen einen Gedankensplitter beginnen – nur darum habe ich diese Reise gemacht. Und natürlich wegen des Sturms, mit dem Island uns auf dem letzten Stück Nordatlantik empfängt. Die Norröna schwankt und schlingert wie verrückt. Die See heult und peitscht unaufhörlich Schneeschleier gegen das Fenster, an dem ich stehe und wie gebannt in die Dunkelheit hinaus starre. Es ist 7 Uhr. Das Aufklatschen auf den Wellen dröhnt und vibriert durchs ganze Schiff und meinen Körper.
Heute ist definitiv Skihosenwetter. Es ist eisig. Minus acht Grad zeigt das Thermometer an. Die Einfahrt in den Fjord von Seyðisfjörður ist atemberaubend. Pünktlich zur blauen Stunde passieren wir die majestätischen Felswände. Die Atmosphäre, die sich bei der BBC-Serie „Trapped – Gefangen in Island“, die wir hier jeden Abend schauen und die in Seyðisfjörður spielt, unter die Haut schleicht, schleicht sich auch in diesen Morgen. Mystisch und ein bisschen gruselig ist es. Das Schneetreiben lässt die Felsmassen fast unwirklich erscheinen. Ich stehe einmal mehr gebannt an Deck und staune. Doch dann erscheinen die Lichter der kleinen Stadt am Ende der Welt. Heimelig und warm begrüßen sie uns.

Seyðisfjörður heißt auf deutsch „Fjord der Feuerstelle“. Wie kleine Feuerstellen sehen sie auch aus, die vielen, kleinen Lichter am Ende des Fjords. Das kleine Städtchen ist der einzige Anlaufhafen für die Norönna in Island. Und sie wird hier die kommenden zwei Tage liegen bleiben. Knapp 650 Menschen und ein paar Hunde leben hier. Und in den umliegenden Landschaften die Rentiere. Seyðisfjörður selbst beschreibt sich als besonders, lustig, komisch, künstlerisch, schön, offen, nachdenklich, allgegenwärtig, erstaunlich, genial, friedlich, wunderbar, freundlich, geheimnisvoll und kreativ. Nun denn… Ich bin gespannt, ob und was von alledem stimmt.

Ola Maria wird uns durch Seyðisfjörður führen. Sie ist hier geboren. Sie war zwar schon überall auf der Welt. Aber ihr Platz ist hier, sagt sie. Sie liebt die unterschiedlichen Jahreszeiten, die Festivals. Alles habe hier seinen ganz eigenen Charme. Auch, dass man nur fünf Minuten zu Fuß braucht, um überall hinzukommen, sei doch sehr praktisch.
Es gibt eine Schule, ein Krankenhaus, eine Apotheke, eine Schwimmhalle und jede Menge kleiner Kneipen. Viele Kunsthandwerker und Künstler, sogar aus Dänemark, haben hier ihre Galerie oder bieten Kunstschaffenden Residences auf Zeit an. 30 Nationen leben in Seyðisfjörður zusammen. Und dann die Natur. Malerisch! Ist noch untertrieben. Hohe Felswände, zugefrorene Wasserfälle, unschuldig weißer Schnee, wohin man schaut. Das ist schon eine ganz andere, faszinierende Welt. Und die Wirkung auf mich legt sich wie frisch gefallener Schnee in meine Seele. Bilder, die Sehnsucht erzeugen, wenn später der Alltag mich wieder eingefangen hat. Doch noch bin ich hier, weit weg von allem Müssen.


Ich spaziere über den blütenweißen Schnee, der leise unter meinen dicken Schuhen knirscht, erfreue meine Augen an der Winterlandschaft, die wie aus dem Paradies vor mich hin gemalt erscheint, atme die eisige Luft ein, genieße jeden Augenblick.
Ich liebe die bunten Holzhäuschen. Die kleine, blaue Kirche im Ortszentrum wirkt heimelig wie eine Puppenstube. Ihre knallblaue Holzkassettendecke erinnert mich an die Decke der Benzer Kirche. Es fehlen nur die Sterne darin. Mittelpunkt auch des kulturellen Lebens bietet sie vielen Künstlern Raum für Konzerte. Die historischen Häuser und selbst die Kirche kamen einst als Fertigbausätze aus Norwegen. Denn Seyðisfjörður wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von den Norwegern als Handelszentrum gegründet.


So viele Touristen wie in unserer Gruppe sind, sieht Seyðisfjörður sicher im Winter selten. Doch auch im Sommer soll der Ort, so Ola Maria, nicht so überlaufen sein wie manch andere Gegenden von Island, die zum Teil geradezu von Urlaubern gespickt sein sollen. Allein dafür liebe ich das kleine Städtchen schon. Ich bin immer auf der Suche nach solch besonderen, noch wenig überrannten Orten.

Einige Ateliers in Seyðisfjörður verkaufen Islandpullover. An jedem Unikat steht dort sogar der Name der Herstellerin. Und an der Wand hängen Bilder der Wollspender. Bei unserem Spaziergang durch den Ort investiert Birgit denn auch gleich mal in die örtliche Schafherde. Unternehmensförderung auf Isländisch. Ich dagegen habe mich erstmal mit überlebenswichtigeren Dingen eingedeckt: Gesalzenes Karamell und Lakkrís. Mhhhh…

Bei der Einkehr im örtlichen Kunst- und Kulturzentrum Skaftfell kommen Jutta, Andrea, Birgit und ich nicht nur in den Genuss der aktuellen Ausstellung „White Sun“ des Inspirational Young Female Artist Clubs und eines famosen Chai Lattes. Da der viel gerühmte Kuchen aus ist, zaubert uns die Köchin mit viel Liebe Windbeutel mit einem flüssigen Schokoladenkern. Wir schwelgen im 7. Genusshimmel. Yummi!!!


Richtig yummi soll‘s heute Abend werden. Denn ein Restaurant im Ort öffnet nur für uns und bekocht uns auf Isländisch. Auf dem Weg dorthin schneit es einmal wieder volle Kanne. Wir stapfen durch das Winterwonderland in Richtung Nordic. In den Fenstern leuchten noch immer die Lichterketten. Weihnachten steht hier offenbar noch bevor. Ein bisschen komme ich mir vor wie in der Trapped-Serie. Die Atmosphäre ist identisch. Hoffentlich unsere Story nicht.


Das „Nordic“ ist eine köstlich genussvolle Adresse. Mitten im Ort. Unweit der kleinen, blauen Kirche. Ein stilvolles Schlemmerparadies mit sehr guter Küche und feiner Bier-, Whisky- und Brennivín-Auswahl. Mein Lamm zergeht auf der Zunge. Ein schöner Abend mit Gaumengenuss, einer exklusiven Preview einer neuen Ankerherz-Geschichte, viel Lachen und noch mehr Seemannsliedern steht auf dem Programm. Das Leben kann so schön sein!

Der anschließende Absacker im urigen Skaftfell, in dem wir heute schon einmal voller Genuss saßen, wird zum interessanten Dessertgespräch. Und draußen glitzert der Schnee. Ich bin verliebt… in einen weißen und paradiesisch schönen Ort.

Zurück auf dem Schiff freue ich mich auf eine schaukelfreie Nacht. Den ganzen Tag bin ich wie ein alter Seemann durch den Ort gewankt, immer das wackelige Gefühl in den Beinen, der nächsten Welle standhalten zu müssen. Ob ich so unbewegt überhaupt schlafen kann? Wir sind die einzigen an Bord. Nur für uns hat die Reederei der Norönna die Lichter und die Heizung angelassen.
Góða nótt, dreymir falleg. Sjáumst á morgun.

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[Der Text enthält Werbung aufgrund von Namensnennung! Alle Anregungen und Vorschläge, Empfehlungen und Bewertungen sind jedoch meine eigene Meinung und mein ganz persönlicher Geschmack, der gerne geteilt, aber auch anders empfunden werden kann.]
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