Herbtsmorgengrauen


Herbstmorgengrauen © Sandra Grüning

Herbstmorgengrauen © Sandra Grüning

 

Der alte Schreibtischstuhl. Vertraut knirscht das Leder unter meinem Gewicht. Anheimelnd steigt sein Geruch in meine Nase. Wie ein guter Whisky. Archaisch. Warm. Erinnerungsschwer. Von Jahren des Denkens patiniert. Ich schließe die Augen. Genieße den Moment der Ruhe. Das leise Innehalten. Bevor alle Gedanken lossprudeln. Lasse den Morgen an mir vorüberspazieren.

Kühle umfängt mich. Die Nacht hat ihre Geliebte noch nicht aus ihren Träumen entlassen. Leer liegt die Straße vor mir. Regennass glänzen die Steine im Schummerlicht der Laternen. Gelbe Blätter wehen lautlos und leicht wie Federn an mir vorbei. Leer auch der Strand. Einsam rauscht das Meer seine Sehnsucht an meine Füße. Es ist Herbst. Ich kann es riechen, hören, schmecken, fühlen.

Ich schlage den Kragen hoch, verstecke die Nase im schlafwarmen Schal. Die Möwen auf der kleinen Sandbank vor mir, sämtlich ohne Vogelhälse, daselbst verborgen im schlafwarmen Gefieder, stehen stoisch gegen den graukalten Wind. Reglos. Einsam. Geben wir ein Bild von Caspar David Friedrich.

Zeitenstillstand im Herbstmorgengrauen.

Nur ganz allmählich trennt sich das Grau des Himmels vom Grau der bleiernen Weite. Schwer ziehen die Wolken ins Unbekannte hinaus. Zum Greifen nah drücken sie mir traumtropfenvoll auf die schlaftrunkene Seele. Der Morgen macht heute aber einen auf freudlos und grau, denke ich. Und atme die feuchtkalte Unschuld des neuen Tages tief ein.

Ich harre aus. Als würde ich auf etwas warten. Dabei ist die Sonne heute wolkenverhangen. Ihr Aufgang geschieht im Verborgenen. Wahrscheinlich hat sie einen Kater und will heute ihr zerknittertes Gesicht der Welt lieber vorenthalten.

Schade, denke ich im Aufbruch.

Doch spontan, wie aus einer Laune heraus, zeigt sie Erbarmen mit der am Ufersaum frierenden Gestalt. Reißt kurzerhand ein Loch in den fahlgrauen Wolkenvorhang und lässt mich ihre gleißende Schönheit für einen voyeuristischen Augenblick erschauen.

Aller Schwere enthoben vom Glitzer dieses kurzen Moments. Und für den Bruchteil einer Sekunde offenbart sich mir Erkenntnis. Einen Wimpernschlag lang habe ich das Gefühl, zu erhaschen, was die Welt in ihrem Inneren zusammenhält, warum sich alles fügt, wie es sich fügt, verstehe ich, was mir sonst das Hirn zermartert. Doch eben nur einen Wimpernschlag lang. Denn genauso schnell wie der Sonne Glitzern auf den Wellen dem grauen Einerlei weicht, hat sich dieser Wahrheitsfaden wieder verflüchtigt, vermischt mit dem Geräuschewirrwarr des Außen, aufgelöst und verdünnisiert in den träge rollenden Meereswellen.

Der Kaffee dampft verführerisch in Miniwolken vor meinem Gesicht. Mahnt, das Tagwerk endlich zu beginnen. Und die morgengrauen Erinnerungsfetzen verwehen im Gedankenstrudel. Übrig bleibt nur ein leise glitzerndes Zittern.


2 Gedanken zu “Herbtsmorgengrauen

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