Kopfunterweltenspazierer

Kopfüberweltenspazierer

Kinder träumen. Erschaffen Zauberwelten. An jedem Tag. In jedem Moment. Sind Erdbeerwattebauschwolken an ihren Himmeln unterwegs. Steht ihre Welt Kopf. Schmeckt der Strandsandkuchen nach mit Schokolade überzogener Eistorte. Kämpfen leuchtschwertbewaffnete Ritter mit ihnen gegen schwarzbemäntelte Helmträger und andere Bösewichter. Überspringen sie Schatten, die sie um Längen überragen.

Auch ich bin einst kopfüber im Handstand durch die Welt spaziert. Habe aus Luft Schlösser in mein Leben gebaut. Sie mir mit Regenbogenfarben bis ins hinterste Eckchen Glück ausgemalt. Ich habe auf meine Träume acht gegeben. Bin für sie eingestanden. Habe für das gekämpft, was ich bin. Und was mir wertvoll ist.

Früher einmal.

Und wo sind meine Träume heute? Wann habe ich aufgehört, an ihre Wunder zu glauben? Zu vertrauen? Aufgehört darauf zu achten, in welchem Takt mein Herz tanzt? Wofür es weich wird? Für welche Dinge es vor Freude Purzelbäume schlägt? Wann habe ich aufgehört, diejenige zu sein, die ich bin?

Manchmal wünsche ich mir die Unschuld zurück, die ich als Kind hatte. Die Gutgläubigkeit. Das Gottvertrauen. Die Spontanität. Loszupreschen, abzuheben, zu fliegen. Voller Energie. Ohne Angst! Vor Zurückweisung, vor dem Scheitern, vor dem Verlust. Ohne die Angst vor Konsequenzen. Die Angst vor Narben.

„Angst essen Seele auf!“

Und Erfahrungen machen schlauer. Sagen diejenigen, deren Erkenntnisschatz sich in ihren Köpfen in schwindelerregende Höhen türmt. Aber sie bremsen auch aus. Führen oft in die Irre. Fort von uns und unseren Träumen.
Wir haben verlernt, auf unsere Bäuche zu hören. Und intuitiv zu spüren, wie das Leben aus allen Ecken ins Bewusstsein dringt. Welchen Weg es nimmt und mitzuschwimmen, mit der Energie, die es uns gibt.

Ich vertraue mir nicht mehr. Und noch weniger meinen Gefühlen. Oder gar Träumen. Stattdessen setze ich auf meinen mit Wissen und Lebensweisheiten überfrachteten Verstand. Schalte immerzu und ohne Unterlass den Kopf ein. Er soll für mich überdenken, abwägen, die Kontrolle übernehmen, mich bewahren vor dem Verletzt-werden, der Lüge, dem Verrat, vor der Unsicherheit, die die Ungewissheit des Lebens mit sich bringt. Dabei ist der Verstand doch selbst unfähig zu fühlen, was Erleben, Durchleben, Überleben heißt. Er ist wie ein Blinder, der den Regenbogen in den Himmel malen soll und nicht erahnen kann, wie sich das Rot anfühlt, das Grün schmeckt, das Gelb anhört. Und trotzdem lege ich nur allzu oft und allzu bereitwillig mein ganzes Leben in seine Hand. Denn einmal Bewährtes gibt Halt, gaukelt Sicherheit und Zufriedenheit.

Den Bauch? Brauche ich nicht mehr. Er hat ausgeträumt. Stillgelegt. Weil überstimmt mit Argumenten. Meine Vernunft sorgt schließlich dafür, dass ich mich aus meiner Komfortzone nicht heraus in unbekannte Gefilde begeben muss, in denen ich am Ende noch verloren gehe. Das Leben hinter Sicherheitsglas. Oder ich?

Ich wünsche mir wieder den Mut, den ich als Kind hatte. Die Zuversicht. Die Ausgelassenheit. Die Lebensfreude. Und die Größe. Ohne nachzudenken, das Leben einfach mit beiden Händen zu packen und zu genießen. Traumzauberwelten zu erschaffen. An jedem Tag. In jedem Moment.

„Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?“