Kopfkino


Manchmal ahnt man, dass etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt. So wie in jenem Sommer an der Müritz. Unserem letzten Sommer an der Müritz. Vor der Wende. Vor der großen Freiheit. Hatten wir als Kinder ganz andere Freiheiten.
Jedes Jahr vier Wochen Spaß, Abenteuer und das hölzerne Plumpsklo mit dem ausgesägten Herzen, das mein Vater eigenhändig gezimmert hatte. All das sollte ich in jenem Sommer zum letzten Mal erleben. Und als hätte ich gespürt, dass ich sie gut in meinem Gedächtnis ablegen muss, habe ich in jenem Sommer mir all die vielen Kleinigkeiten unbewusst ganz genau eingeprägt. Ein Bilderbuch, das ich eines Tages wieder hervorholen und dessen Schnappschüsse ich noch einmal lebendig werden lassen kann.

Da gab es diese kleine, stille Bucht, umgeben von einem Schilfgürtel, in der wir mit Schnorchel und Taucherbrille bewaffnet nach Müritz-Schätzen suchten. Da gab es die vielen Schlehensträucher, deren Zweige immer voller blindbereifter Beeren schwer und ausladend auf die Wiesen hingen. Ihr Fleisch hat mir jedes Mal meine Zunge betäubt. Aber ich konnte es nicht lassen, Hände voll davon in den Mund zu stopfen und die Steine im hohen Bogen ins Wasser zu schnipsen. Da gab es den Weg, auf dem ich einmal eine Kreuzotter gefunden hatte. Die Nachmittagsbrause und den Nachmittagspfannkuchen. Das riesige Brombeerhecken-Labyrinth, durch das meine Schwester und ich uns gegenseitig gejagt haben. Und den Kanal, an dessen Ende die vielen Segelboote still in der vom Zirpen der Grillen erfüllten Abendluft schaukelten.

Jetzt bin ich zurückgekehrt. Wollte sehen, was von all dem eifrig in mir Abgespeicherten übrig geblieben ist. Erst verfahren und auf dem falschen Campingplatz gelandet, war der Schock zunächst recht groß. Kein Wiedererkennen. Kein lebendig gewordener Schnappschuss. Können Erinnerungen so sehr trügen?
Aber es gibt ihn doch noch. Den Platz, die vielen kleinen Buchten, den Kanal. Natürlich sind dort jetzt auch Cafés und Läden und Ferienwohnungen und ein Wellness-Tempel. Das gehört sich heute so. Aber der Weg entlang des Ufers ist noch immer genauso matschig, genauso morastig und glitschig, wenn es regnet.
Und es hat an jenem Tag geregnet. In Strömen. Als hätte der Himmel sich über meine Wiederkehr zu Tränen gerührt gefreut. Manche der Wohnwagen sehen aus, als hätten sie die Zeit überdauert. Moosbewachsen haben sie ausgeharrt und gewartet, bis ich eines Tages wieder vorbeischauen würde.
Auch unseren zeitweiligen Wohnplatz, auf dem wir Jahr um Jahr unseren schnieken Klappfix aufbauten, habe ich wiedergefunden. Nur hat er sich sehr verändert, unser lauschiger Ferienwohnort. Dort, wo einst unser Naturklosett mit dem Herzchen in der Tür stand, steht nun ein echtes Klohäuschen mit weißen Keramikthronen, Wasserspülung und Dusche. Auch beim Campen zieht die Zivilisation mit all ihren luxuriösen Annehmlichkeiten in großen Schritten ein. Von wegen Natur pur. Und nur die Harten kommen auf den Zeltplatz …

Müritz

Boek an der Müritz © Sandra Grüning

Mein Blick wandert zum Kanal. Und meine Schritte werden wie fremd gelenkt schneller. Ich folge dem hölzernen Steg auf die Müritz hinaus. Und an seinem Ende sind sie alle wieder da. Die Bilder, die Gerüche, die Gefühle von damals. Natürlich liegen keine Segelboote an den Anlegern. Es ist April. Aber in meinem Kopf liegen sie dort in der Abendsonne. Ihre hohen Masten wippen auf und nieder, als wollten sie Löcher in das Himmelsblau stechen. Das Wasser schwappt leise, wenn es gegen die hölzernen Schiffswände schlägt.
Ich schaue hinüber über die umgestürzten Bäume, hin zu der Stelle, an der wir jeden Tag gebadet haben – bis unsere Lippen ganz blau gefroren waren. Sehe die Rutsche, um die herum ich meine ersten Schwimmversuche wagte. Unter meinem Bauch spüre ich die schützende Hand meines Vaters.
Es ist ein wunderbares Gefühl, all das wieder und ganz neu zu entdecken. Nur kleiner scheint alles geworden zu sein. In meinen Erinnerungen waren die Wege viel weiter. Die Buchten größer. Und der Kanal viel länger. Na ja, vielleicht liegt es daran, dass ich damals selbst noch kleiner und die Welt um mich viel größer war. Wenn auch nur um wenige Zentimeter. Oder sind es die Jahre, die vielen Erlebnisse und Erfahrungen, die die Welt haben schrumpfen lassen?

Aufgeweicht vom Dauerregen. Ausgekühlt, aber glücklich, diesen Ort wiedergefunden zu haben, sitze ich im Café „Zum Bolter“, beobachte die Regenschleier, die träge über das Wasser ziehen und erwärme mich an einem Tee und meinen Erinnerungen. Und in mein Herz schleicht sich wieder das Gefühl, etwas Neues ist im Aufbruch.


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