Loslassen


Streetart

Das mit dem Loslassen ist so eine Sache, wenn du auf einem dünnen Drahtseil über einen Abgrund läufst.
Da hilft dir auch der Satz „Schau nach vorne!“ nicht wirklich weiter. Denn der Mensch ist nun einmal im Grunde seines Herzens ein Feigling und ein Masochist noch dazu. Darauf gepolt, mitten hinein zu sehen in das, was quält und an dem festzuhalten, was unabänderlich ist.

Gott und ich – wir streiten manchmal miteinander. Na ja. Eigentlich bin eher ich es, die ihn zur Rede stellt. Und er hört zu und schweigt sich meistens aus.
Stille hat an sich ja etwas Schönes. Nur nicht, wenn du auf Antworten hoffst.
Ich habe ihn heute gefragt, warum er die Sache mit der Liebe so kompliziert macht? Warum er die Menschen sich nicht einfach lieben lässt? Schließlich ist er es, der einzig von Luft und Liebe lebt und von uns bedingungslose Hingabe fordert. Aber woher sollen wir denn wissen, was es mit der Liebe auf sich hat und wie wir ihr gerecht werden, wenn er sie so missverständlich unter den Menschen verteilt?
Warum brennt sie für den einen wie Feuer? Während sie für den anderen nur lästig ist? Oder nicht groß genug? Warum tun wir uns trotz aller Liebesschwüre immer wieder gegenseitig weh? Ertrinken in Zweifeln? Begegnen uns mit Misstrauen? Sehnen uns immer wieder nach dem, was wir gerade nicht haben? Statt einfach nur Hand in Hand in den Sonnenaufgang aufzubrechen, der sich blutrot wie die Liebe an den Horizont malt, und an sie zu glauben. Genauso wie an ihn.

Noch hat er mir nicht geantwortet. Gott, meine ich. Sitzt nur da auf seinem wolkenberüschten Himmelssofa und lächelt milde wie der leibhaftig gewordene Freud. Aber sagen, tut er nichts. Kein Sterbenswort.
Also bleibt wohl einmal wieder, alles an einem selbst hängen. Von wegen: „Nimm das Leben in die Hand. Du allein bist deines Glückes Schmied!“ Pah, welch hohle Phrasen! Wenn du das Gefühl hast, das Leben, das du in der Hand hältst, schmilzt darin gerade wie Eis dahin. Weiß Gott überhaupt, worüber er sich da so hartnäckig ausschweigt? Was weiß Gott denn schon von unserer Menschenwirklichkeit? Ist Gott schon ein einziges Mal auf dem Klo das Papier ausgegangen?

Also gehe ich los. Setze unsicher einen Fuß vor den anderen. Schaue mitten hinein in meine Abgründe. Versuche den Schmerz, der mich aus dem Gleichgewicht zu bringen droht, mit einem Lächeln zu begegnen. Auch dann, wenn Tränen mir die Sicht nehmen. Und bitte Gott, den Schweigsamen, nur um ein wenig Mut und Kraft – loszulassen. Und um die Hoffnung, mir beim Sturz in die Tiefe nicht sämtliche Knochen zu brechen. Aber das Ding mit der Hoffnung stirbt ja zum Glück bekanntlich eh als Letztes.


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