Åsljunga 2021-9-12


Morning has broken in paradise © Sandra Grüning

Kullaberg – Wer meint Kullaberg klingt niedlich und süß, ist offensichtlich noch nie auf der Halbinsel Kullen und auf dem Kullaberg wandern gewesen.

Ausblick auf den Öresund © Sandra Grüning

Viele Wege führen vom Kullens fyr – dem hellsten Leuchtturm Schwedens (3,43 Millionen Candela) – durch das Naturreservat. Abenteuerlustig wie wir sind, haben wir uns natürlich wie immer den Weg der Irren ausgesucht.

Kullens fyr © Sandra Grüning

Wenn die Schritt-App am Ende 103 Stockwerke anzeigt, will das wohl etwas heißen. 103 Stockwerke durch eine Landschaft, die so unwirklich, nicht von dieser Welt zu kommen scheint, als hätten Trolle mit Steinen gespielt.

Wandern auf dem Kullaberg © Sandra Grüning

Apropos Steine. Selbst im tiefsten Buchwald, zwischen halsbrecherischen Schluchten und entlang steiler Abgründe sind sie zu finden, die allerorten wie Halsketten hindrapierten, schwedischen Steinmauern. Sie gehören hier offenbar zur Landschaft wie die Bäume oder die Seen. Dabei haben die Bauern sie, der laga skifte – der schwedischen Bodenreform – sei Dank, in mühevoller Kleinarbeit im 19. Jahrhundert von den Äckern geschleppt und zu Grenzmauern ihrer ab dato neuen Felder aufgeschichtet. Beeindruckend mit welcher Akribie sie selbst in unwirtlichstem Gelände an ihnen herum gepuzzelt haben. Zeit, scheinen die Schweden schon damals im Überfluss gehabt zu haben.

Doch zurück zum Kullaberg. Der Name klingt wie aus einem Roman von Astrid Lindgren. Niedlich und nett und vor allem paradiesisch und beschaulich hübsch. Von wegen nett und niedlich und beschaulich hübsch. Steil, steiler, Kullaberg. Schroffe Klippen, die geradewegs ins Meer abfallen. 78 Höhenmeter auf 100 Meter Abstieg. Meine Höhenangst macht Höhenflüge. Und trotzdem hangeln wir uns wie zwei Verrückte die Schluchten zu steinreichen Grotten hinab. Und das alles inklusive Hund. Aber schnöde Spazierengehen kann ja jeder.

Unten angekommen, befinden wir uns auf einem anderem Planeten. Zerklüftete Felsen. Steinhaufen und Steinwände so weit das Auge reicht. Steine und Meer. Die Ostsee natürlich. Das Kattegat. Eines der weltweit befahrensten Gewässer. Der braune Granit, der uns umgibt, wird in Schweden Kulla genannt. Jetzt schwant uns, woher der Berg seinen Namen hat. Überall verstecken sich Höhlen in den steinernen Wandfalten. Jack Sparrow hätte seine helle Freude an ihnen. Denn für Piraten wären diese Grotten der ideale Schätzehort. Ein wenig gruselig ist es schon.

Wir müssen aufpassen, dass wir uns auf den Steinen nicht die Beine oder gar den Hals brechen. Ganz besonders Maya nicht. Die hat jedoch nur eines im Sinn: Baden!

Wieder heil das Plateau erklettert, genießen wir die Aussicht über karge Wiesen und weite Buchten. Der Ort Mölle legt sich wie eine Fata Morgana zu unseren Füßen. Wir entschwinden in die entgegengesetzte Richtung. Doch noch haben wir den Leuchtturm nicht wieder erreicht. Ein paar losgelassene Kühe wollen noch umgangen werden. Am Ende stimmt der zuvor im Internet gelesene Satz: Ein Besuch des Kullabergs lässt niemanden unberührt.

Arbeiten im Paradies © Sandra Grüning

Als freies Küstenkind muss ich auch in Auszeiten wie diesen mein Apfeltier das eine oder andere Mal aufklappen und mich zum Arbeiten animieren. Doch hier im Paradies fällt mir das erstaunlich leicht. Vielleicht, weil ich mir feste Zeiten gesetzt habe. Vielleicht, weil mit Seeblick die Gedanken leichter fliegen.

Ich geh dann mal Laufen © Sandra Grüning

Andererseits tut es auch einfach gut, einmal ganz ohne schlechtes Gewissen, in den Tag hinein zu leben, sich der Sonne auf den Wellen zu erfreuen, um den See herum zu laufen oder zu lesen. So viel gelesen, habe ich schon lange nicht mehr. Und das, obwohl ich eine Schneckentempogenussleserin bin.

Wenn die Zeit still steht © Bengel

Doch das Allerschönste ist es, einfach nur dazusitzen, auf dem kleinen, hölzernen Schemel auf unserem Steg, auf den See hinauszuschauen, die Gedanken kommen und gehen zu lassen und nichts zu tun. Solche Stumpfstarrmomente möchte ich mir auch in meiner Inselwelt bewahren. Die Abendsonne spiegelt die gegenüber liegenden Bäume auf der blanken Wasseroberfläche. Wasserläufer huschen lautlos darüber hinweg, schlagen Miniwellen, die sich im Nichts verlieren. Die Zeit steht still.

Jetzt fahrn wir übern See © Sandra Grüning

Du kommst und küsst mich und entführst mich mit einem Wein auf eine abendliche Bootstour über den See. Das Leben könnte nicht schöner sein.

Wallåkra Stenkärlsfabrik © Sandra Grüning

Ein neuer Tag, ein neues Abenteuer. Die Wallåkra Stenkärlsfabrik will besichtigt werden. Ausgetüftelt von meiner nach Keramik sehnsuchtenden Freundin. Jeder braucht ein kleines Laster. Dieses wird uns – das ahne ich mit Gewissheit – sicher noch so manch wunderschöne, fremdländische Keramikrequisite für diverse lukullische Aventures einbringen. Doch unsere Ausbeute aus besagter Stenkärlsfabrik sind nicht nur wundervolle Tontassen, sondern genauso wundervolle Eindrücke. Die Töpferei von 1864 ist die kleinste, aber auch die einzige von sechs Töpfereien in der Gegend, die heute noch Steingut aus dem hiesigen Ton produziert. „Manchmal ist es von Vorteil, klein zu sein“, sagt die junge Frau, die uns mit einem strahlenden Lächeln empfängt.

Töpfern für ein Vierteljahr © Sandra Grüning

Jennifer ist ihr Name und ihre Heimat ist unüberhörbar nicht in Schweden, sondern vielmehr in deutschen Landen zu finden. Ein sanftes Schwäbeln liegt uns in den Ohren, kaum dass wir den kleinen Verkaufsraum der Töpferei betreten haben. Stuttgart ist die Stadt, aus der Sie ursprünglich kommt. Doch auch nach mehr als fünf Jahren im Land der Entschleunigungskünstler ist ihr der Dialekt nicht abhanden gekommen. Entschleunigen – darin sind, laut Jennifer, die Schweden Weltmeister. Überhaupt habe das Leben in Schweden eine andere Qualität als im notorisch hektischen Deutschland.

Ein Ofen so groß, dass mehrere Tonnen Keramik darin Platz haben © Sandra Grüning

Wir sind glücklich, jemanden getroffen zu haben, der uns prompt in seine Lebenswelt mit hineinnimmt. Wir wollen natürlich wissen, was sie hierher verschlagen hat, hätten es uns allerdings auch denken können: Die Liebe. Nach der Geburt ihrer Tochter wollte sie nicht zurück in ihren alten Job. Sie wollte etwas völlig anderes machen, etwas Kreatives. In Wallåkra gelandet, ist sie durch Zufall. Aber das Leben besteht ja bekanntlich nur aus Schicksalswinken und Zufallsmomenten. Zumindest ist Jennifer jetzt genau dort, wo sie immer sein wollte. Angekommen. Sagt sie selbst. Und möchte aus Wallåkra auch nie wieder weg. Seit fünf Jahren arbeitet sie auf dem Fabrikgelände und seit offiziell zwei Wochen ist sie Töpfer-Azubine. Und mega stolz. Wenn sie einmal die Töpferei von Åsa, der Manufakturchefin, weiterführen könnte, wäre das ihr Lebenstraum.

Lisbeth – Weltmeisterin im Töpfern © Sandra Grüning

Jennifer zeigt uns die Produktionsstätten der Töpferinnen. In der Stenkärlsfabrik arbeiten offenbar nur Frauen. Sie erzählt uns von ihrem Alltag als Töpferin, von Lisbeth, der Weltmeisterin im Töpfern, erzählt von den 1300 Grad, auf die sie, Åsa, Lisbeth und ihre Kolleginnen den riesigen Brennofen vier Mal im Jahr anfeuern. Drei Tage lang seien sie rund um die Uhr mit Kohle schippen beschäftigt. Ein Knochenjob bei Saunatemperaturen. Noch einmal zwei Wochen braucht der Ofen dann zum Abkühlen.

„Früher waren die Krüge und Gefäße aus Wallåkra als Kühlschränke sehr beliebt“, erklärt Jennifer uns. Wir werden unsere irdenen Errungenschaften zwar nicht zum Kühlen benutzen, unseren Kaffee aber ganz sicher künftig mit den tollen Eindrücken von diesem wundervollen Handwerksort würzen.

Glücksmoment © Sandra Grüning

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