Åsljunga 2021-9-5


Angekommen im Paradies © Sandra Grüning

Angekommen im Paradies. Was habe ich mich darauf gefreut. Weit weg, irgendwo im Nirgendwo, mit See und Boot, mit dir und dem kleinen Fuchs.

Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, dass ich über den Tellerrand meiner Insel hinausgeschaut habe. Jahre. Im wahrsten Sinn. 2019 – das letzte Abenteuer in einem anderen Land. Zeit wird’s!

Es ist mitten in der Nacht. Geschlafen habe ich kaum. Vorfreude kribbelt durch meine Adern. Nebel kriecht über die einsamen Straßen. Gespenstisch leer ist es, wo sonst Blechlawinen sich behäbig vorwärts schieben. Auch der Blick von den Feuersteinfeldern der Nachbarinsel auf die Ostsee hinaus könnte einem Horrorfilm entnommen sein. Den Wirbelwind stört es wenig. Sie ist einfach glücklich, Strandsand unter den Pfoten zu spüren. Genügsam ist des Hundes Seele.

Mit Höchstgeschwindigkeit bis hinter den Horizont © Sandra Grüning

Hoch schäumt die See dafür unter den beiden Rümpfen des Katamarans, der uns in Windeseile zu neuen Ufern bringt. Ich liebe das sanfte Schaukeln des Schiffes. Wie ich es schon ein Leben lang geliebt habe. Ich bin offenbar kein Küstenkind. Ich bin ein Seekind.

Ystad – ausgesprochen Üsta – ist für mich nicht die Stadt Kurt Wallanders. Für mich ist es die Stadt der Kirchen und Klöster, die Stadt der Minihäuser und der Stockrosen. Ystad – eine schnuckelige, kleine Stadt, durch deren Gärten und Parks sich samstags der Loppis – der schwedische Antikenflohmarkt – zieht. Einstöckige Minihäuser für mittelalterliche Minimenschen ketten sich hier, eines süßer als das nächste, durch die gesamte Altstadt aneinander. Hieß Ystad früher vielleicht einmal Michelbinge? Und Skåne vielleicht Auenland?

Denn die Hügel, die sich an Ystad schmiegen, erinnern an das Land des kleinen Hobbits. Tolkien muss hier gewesen sein und sich prompt in diese Landschaft verliebt haben. Kaum vorstellbar, dass einmal eine riesige Eismasse diese Hügel gestreichelt und geformt hat. Findlinge – Überbleibsel, die das Eis wie Gewölle einfach wieder ausgespien hat – gibt es hier en masse.

Der schönste Steinhaufen Schwedens © Sandra Grüning

Schwedens beliebtester Steinhaufen heißt Ales stenar. Er sieht aus, als hätten Riesen auf einem Hügel bei Kåseberga versucht, aus Hinkelsteinen ein Schiff zu bauen. Man gut, dass sie es nicht zu Wasser gelassen haben. Mit abgesoffenen Schwergewichten haben es die Schweden ja bekanntlich. Mit abgesoffenen Schiffen erst recht. Ich denke da nur an die Vasa. Aus 59 Sandsteinklopsen wurden die Steine von Ale auf einem 37 Meter hohen Hügel so drapiert, dass sie der Form eines Schiffes ähneln. Eines riesigen Schiffes. 19 Meter breit und 67 Meter lang. Manch einer der Stevensteine ist bis zu zwei Tonnen schwer und bis zu drei Meter hoch, heißt es auf dem schlauen Schild davor. Obelix hätte dieses Kunstwerk ganz sicher gefallen.

Was sie tatsächlich bedeuten, ist bis heute nicht klar. Laut Beschreibung ist Ales stenar allerdings von Riksintresse und darum ein beliebter Ausflugsspot der Schweden. Wir haben Glück und ein super Timing. Denn uns legt sich das steinerne Schiff fast menschenleer zu Füßen.

Unser Blick von dort oben reicht weit über die glitzernde Ostsee. Ein wundersam schönes Gefühl bemächtigt sich meines Körpers, ja meiner ganzen Seele. Es ist das warme Gefühl, mit dem richtigen Menschen am richtigen Ort zu sein.

Knäbäckshusens, der wildeste Strand von Skåne © Sandra Grüning

Dieses Gefühl überschwemmt mich auch am nächsten Ort wie die Schaumkronenwellen die Ostsee. Wir spazieren in Knäbäckshusen am angeblich wildesten Strand von Skåne entlang. Für mich tatsächlich einer der schönsten, weil ursprünglichsten Orte, die ich bis jetzt gesehen habe. Traumhaft schön reicht der weiße Sand bis an die Wurzeln der vom Wind verwachsenen Bäume. Ihre ausgewaschenen Wurzeln hängen ins Leere greifend in der frischen Salzluft. Das Wasser der Ostsee ist so türkis wie sonst nur in der Adria.

Wenn die Schweden neben Ikea und Smørrebrød eines erfunden haben, dann ist das Lagom – die ideale Balance, nicht zu viel und nicht zu wenig, die Gelassenheit in allem, die Langsamkeit, die man braucht, um das Leben zu genießen. Und genau dieses Lagom durchzieht hier das ganze Leben. Das fängt schon beim Autofahren an. Geschwindigkeitsrekorde werden in Schweden eher selten aufgestellt. Dafür Gemütlichkeitsrekorde. Innerorts sind meist nur 40, außerhalb oft höchstens 70 Stundenkilometer erlaubt. Den Tempomat eingeschaltet und schon zieht die wundervolle Landschaft Hügel für Hügel gemächlich an uns vorbei. Sightseeingtour im Schneckentempo. Niemand drängelt oder sitzt einem mit der Motorhaube im Essen für die kommende Zeit, das seelenruhig im Kofferraum schlummert. Tempolimit ist Tempolimit. Und wird alle paar Kilometer mit Argusaugen per Blitzbildkamera überwacht. Entschleunigung auf Schwedisch.

Doch dieses Lagom macht etwas mit den Menschen. Es bringt sie und mich gleichermaßen runter vom sonst doch am Anschlag weilenden Stresspegel. Ich glaube, das Wort Hektik gibt es auf Schwedisch nicht. Leben und leben lassen, ist hier die Devise. Und die entspannt ungemein.

Und dann sind wir da! Die untergehende Sonne glitzert auf dem blank geputzten Spiegel des Sees. Der kleine Steg vor unserem Haus ist wie der Eingang zum Paradies. Glas wo sonst Mauern die Sicht verblenden. Die Aussicht auf die kommende Zeit ist frei von allen Zwängen. Das kleine Boot am Ufer hat nur auf uns gewartet. Darauf, uns ins Lagom hinaus zu schippern.

Åsljunga – ein Ort, an dem meine Seele angekommen ist und nie wieder gehen möchte.

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