Jouissance


Silhouette eines Körpers in Schwarz/Weiß
Lust © Sandra Grüning

Es gibt Menschen, die einen Raum nur zu betreten brauchen und die Luft beginnt zu vibrieren. Sie strahlen. Und ihr Leuchten dringt bis in die dunkelsten Ecken unseres Denkens und Fühlens.

Sie spielt Chopin. Ihre Hände bewegen sich mit der Leichtigkeit eines Kolibris über die Klaviatur. Ihre Augen schauen eine innere, weit entfernte Welt. Leise und eindringlich perlen die Töne in meine Seele.

Das Licht der Kerzen tanzt auf ihrem Körper. Funkelt in ihrem Haar. Ich spüre die Wärme ihrer Haut. Das Pulsieren des Lebens darunter. Ich atme ihren Duft tief in mich ein. Doch ich wage nicht, den Lauf ihrer Finger zu unterbrechen. Dabei habe ich nur einen Wunsch. Sie zu berühren, die Linie ihres Halses nachzuzeichnen. Mit den Fingern. Der Zunge.

Ich neige mich zu ihr hinunter, halte inne, kämpfe um die Kontrolle. Ihre Finger kommen zur Ruhe. Sie lehnt sich an mich. Ihr Körper drückt kraftvoll, schwer gegen meinen Schoß. Sie schließt die Augen. Ist ganz bei sich. Und ganz bei mir. So nah, dass jeder Nerv in mir zum Zerreißen gespannt ist.

Ich nehme ihr Gesicht in die Hand. Sie schaut mich direkt an. Ihre Augen – tief und dunkel wie die See bei Nacht – ziehen mich in Bann, fesseln mich. Und ich falle hinein. Immer tiefer. Bis auf den Grund allen Seins. Gefangen in diesem Augenblick. 

Mein Herz schlägt schnell. Das Blut rauscht durch meinen Kopf, pocht schwer in meinem Hals, den Handgelenken, meiner Brust. Meine Knie werden wachsweich unter ihren stummen Fragen. Und die Welt dreht sich. Immer schneller und schneller. Ich versuche, mich loszureißen. Versuche… versuche…

Lass mich frei!

Mein Flehen legt ein Lächeln auf ihre Lippen. 

Du bist frei. Frei zu tun, was dir gefällt.

Doch da sind ihre Augenseen. Sterne, an denen ich verbrenne. Lichterloh. Ihr Mund, kirschrot und viel zu nahe. Ihr Atem, weinselig und verführerisch. Einladend. Lockend.

Was würdest du tun, wenn es nur diesen einen Moment gäbe? Kein davor. Kein danach. Keine Reue.

Ihr Flüstern setzt die Luft zwischen uns in Brand.

Meine Zunge geht auf der Linie ihrer Lippen spazieren, spielt, neckt und versenkt sich in ihren Mund. Ihre Ungeduld, ihr Fordern reißt jede Kontrolle, jede Grenze ein. Überschwemmt mich mit tausend Gefühlen. Bis ich in ihnen ertrinke und alles vergesse.

Und die Welt ist ein weit entfernter Ort.

2 Kommentare zu „Jouissance

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  1. Es ist, als wäre das Empfinden, dass Du so unglaublich differenziert, so sanft, wie es selbst ist, beschreibst, als die feine Poesie, die Deine Zeilen sind, auch noch in ihr „Dazwischen“ geflossen. – Was für ein besonderer Text!

    Schöne und freundliche Grüße und für das neue Jahr neben guter Gesundheit viele weitere so schöne Inspirationen, wie diejenige, die Deine Zeilen da oben geboren hat!

    1. Vielen Dank für diese besonderen und wärmenden Worte. Du hast mich berührt. Es ist schön, wenn Du die Bilder des Textes sehen und fühlen kannst. Es ist mein höchstes Ziel, die Menschen in meine Fantasie mitzunehmen. Und wenn mir das gelingt, macht es mich glücklich. Ich wünsche Dir für 2020 viele wundervolle Momente.

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