Tagessplitter


Meer ist Sehnsucht ist Leben ist Sein © Sandra Grüning

Gedanken sind oft wild und chaotisch wie das Meer. Ganz ähnlich wie ein Tag. Manche Tage bestehen aus so vielen unterschiedlichen und zuweilen auch ambivalenten Gefühlen, dass es manchmal schwer fällt, in ihnen genau den einen Tagessplitter zu finden.

Vermag solch ein Tagessplitter doch immer nur einen Moment oder eine Facette zu beschreiben. Nie aber kann er einen ganzen Tag in seiner Vielschichtigkeit widerspiegeln oder die Erkenntnisse eines ganzen Tages erfassen. So wie ein Foto nur einen winzigen Ausschnitt des Lebens, einen unwiederbringlichen Augenblick einfangen kann, kann ein Tagessplitter immer nur einen winzigen Teil meines Erlebens, meines Empfindens wiedergeben. Und dabei bleibt er stets herausgerissen aus dem Ganzen, ungenügend und unvollkommen, ein Fragment.

Und dennoch mache ich mir jeden Abend Gedanken über die Splitter, die Gefühle, die Momente meines Tages, um sie für mich zu ordnen, auf einen Nenner zu bringen, abzuschließen. Damit ich den nächsten Tag wieder neu und unbefangen beginnen kann.

Natürlich gibt es Tage, an denen ein besonderes Gefühl überwiegt. Ein Gefühl, das auf den gesamten Tag seine Stimmung legt, ihn begleitet, ja manchmal sogar bestimmt. Doch gibt es auch Tage, die so bunt, so vielschichtig sind, dass ich mich oft zerreißen muss, mich auf nur eine Empfindung, einen Eindruck, eine Emotion zu reduzieren.

Sollte ich das Berührtwerden durch die Worte eines von mir geschätzten Menschen wählen, der mit seinen Gedankenspielen zufällig genau ins Schwarze und dadurch mitten in meine Seele trifft? Oder das unbändige Gefühl von Freiheit, das mich fast zum Platzen bringt, wenn ich über das Wintermeer schaue? Die Sehnsucht, die an mir zerrt wie der Nordwind und mich zum Träumen von fernen Orten und Abenteuern verführt? Oder sollte ich mich für das wundervolle Gefühl von Langeweile entscheiden, das meinem Nachmittag eine melancholische Trägheit verleiht? Ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr hatte und dessen Schwere ich in seiner Absolutheit vollends genieße?

Ich weiß es nicht. Heute nicht.

Sie alle sind für sich genommen keine großen Emotionen, kein großes Kino. Doch müssen sie das jeden Tag sein? Wie oft jage ich eben jenen Überschwänglichkeiten nach und bin enttäuscht, wenn sie meiner eigenen Täuschung nicht standhalten können?! Das macht dünnhäutig.

Jede einzelne Empfindung – und mag sie noch so nichtig sein – hat mich heute bewegt und zum Nachdenken gebracht. Subtiler, doch intensiver, komplexer und treffender in ihrer Gesamtheit als so manch großes Erlebnis. Und darum gebe ich ihnen heute allen einen Platz in einem ganz besonderen Tagessplitter.

So simple. Simply my life.

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