Alleenzauber © Henry Böhm

Alleenzauber © Henry Böhm

Wie ein Spalier säumen die alten Linden die Straße, die sich durch die Wiesen und Felder bis ans glitzernde Achterwasser hinunter schlängelt. Die Sonne scheint in Flecken durch die dichten Kronen. Die Betonplatten sehen aus, als hätten sie Sommersprossen.

Apropos Sommer – der macht in diesem Jahr übrigens Urlaub auf meiner Insel. Und er fühlt sich hier sichtlich wohl, hat sich bereits seit mehreren Wochen fest eingemietet und will bleiben, bis der Frost ihn verscheucht. Habe ich gehört.

Mit ihm sind Ostsee- und Sonnenhungrige aus der gesamten Republik gekommen. Sie aalen sich an den Stränden dicht an dicht. Die Stoßstangen ihrer Autos gehen auf den meisten Straßen enge Liebesbeziehungen ein.

Doch hier – abseits von Erdbeerwelten und Seebadfesten – im Zwielicht schattenspendender Riesen ist es still. Keine Autoschlangen, keine übervollen Strände. Es ist, als wäre die Welt hier ausgeschaltet. Der Zeit enthoben.

Das Rauschen der Blätter hoch oben in den Ästen bringt die Gedanken zum Träumen. Leichtigkeit spüren. Freiheit atmen. Loslassen, was an anderen Tagen die Seele schwer macht. Der Wind streichelt sanft über meine Haut, sorgt dafür, dass sich meine Härchen im Nacken und auf den Armen vor Lebenslust aufstellen.

Ein Hase hoppelt auf die Straße, setzt sich mitten hinein in den Lichtkegel, der durch das Blätterdach auf den Boden scheint. Spot on! Seine Ohren zucken aufmerksam in alle Richtungen. Jetzt fehlt nur noch der Fuchs, dann sind wir im Märchen, denke ich. Denn märchenhaft kommt mir die Idylle hier draußen – abseits viel befahrener Wege – vor. Endlos scheint sich die Allee zu ziehen. Das Ende des grünen Tunnels ist nicht in Sicht…

Doch dann öffnen sich die Baumreihen, münden in eine alte Kopfsteinpflasterstraße und den Ortseingang von Krummin. Das mittelalterliche Klosterdorf liegt still in der Mittagssonne. Die kleinen, niedrigen und mit Reet gedeckten Häuschen schmiegen sich verschlafen an die Holperstraße. Die gotische Kirche – eine der ältesten der Insel – döst verträumt vor sich hin. Hier scheint die Zeit in ihren jüngeren Jahren stehengeblieben. Es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich ein paar Zisterzienserinnen in ihrem weiß-schwarzen Habit über die Straße huschten. Stattdessen springt eine schwarze Katze aus einem Gebüsch und schleicht lautlos über das Kopfsteinpflaster in Richtung Kirche. Ob das etwas zu bedeuten hat?

Bilder aus meiner Kindheit ploppen wie Seifenblasen aus meinem Inneren auf. Schillernd wie ein Regenbogen legen sie sich vor meine Augen: Ein keines Mädchen, das mit wippenden Zöpfen die Chausseestraße hinunterrennt, während der Sommer mit seinem heißen Atem die Felder links und rechts der Betonplatten austrocknet. Träge verfolgen die braunen Kühe, die in der Sonne grasen, die Kleine mit ihren großen, sanften Augen.

Ich stehe mitten auf der Straße, lasse die Bilder gewähren. Sie hinterlassen eine süße Sehnsucht in mir. Heil und unbeschwert…

Heil und unbeschwert erscheint mir auch dieses aus der Hektik der Zeit gerissene Fleckchen. Hier ticken die Uhren langsamer, geruhsamer.

lauschiges Gartencafé in Krummin © Henry Böhm

Gemütlichkeit hat einen Namen: Pferdetränke von Krummin © Henry Böhm

Neben einem niedrigen, blaugeäderten Fachwerkhaus kündet ein Schilderbaum von köstlichen Schlemmereien selbst gemachter Art und bittet darum, einzutreten in die Krumminer Pferdetränke. Vor mir öffnet sich ein idyllischer Garten. Überall verstreut stehen Tische mit Stühlen. Urig. Gemütlich. Überall blüht es. In jedem Eckchen gibt es etwas zu entdecken.

Blütenpracht an lauschigem Örtchen © Henry Böhm

Blütenpracht an lauschigem Örtchen © Henry Böhm

Doch das Beste kommt noch. Beim Aufschlagen der Karte läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Feine Wild-Spezialitäten, im Steinofen gebackenes Brot, selbst gemachtes Schmalz. Für Wildliebhaber wie mich ein kleines Schlemmerparadies. Denn der Gartencafé-Besitzer ist selbst Jäger. Alle Köstlichkeiten liefen vor seine eigene Flinte.

Wild: Ich bin ein Fan davon. Nicht nur des aromatischen Geschmackes wegen. Es ist gesünder als industriell hergestelltes Nutztierfleisch. Weniger fett und nicht mit Antibiotika vollgestopft. Die Tierchen haben frei und glücklich bis zu ihrem Tod gelebt. Und hatten sicher auch für so manches Liebesabenteuer Gelegenheit.

Hat man Glück und kommt zur richtigen Jahreszeit, hängen über dem Tresen der kleinen Pferdetränken-Gaststube die würzig duftenden Wild-Schinken und -Salami von der Decke.

Im lauschigen Eckchen hinter allerlei Gartenkunst versteckt, bestelle ich ein deftiges Brot mit Hirschsalami. Mein Begleiter Henry gönnt sich einen selbst gemachten Germknödel und herzhaften Bio-Käse. Während hinter uns ein Hahn stimmgewaltig seinen Harem anpreist, schwelgen wir im Essgenuss. Hier lässt es sich wunderbar aushalten!

Esel von unten © Henry Böhm

Streichel mich! © Henry Böhm

Ein kleiner Abstecher in den hinter dem Haus gelegenen Streichelzoo befriedigt denn auch noch gleichzeitig mein Bedürfnis nach dem Wohlfühl-Hormon Oxytocin. Ich würde zwar liebend gern jemand anderem über ihre weiche Haut streicheln. Doch heute sind die Esel dran. Die lieben es offenbar auch, gestreichelt zu werden und sind trotz meiner Scheu vor großen Tieren mit noch größeren Augen als den meinen sehr zutraulich. Oder um es mit Grzimek zu sagen: possierlich.

Hafen von Krummin mit Segelbooten © Henry Böhm

Hafenidylle © Henry Böhm

Der Hafen von Krummin liegt übrigens nur einen Steinwurf von der Pferdetränke entfernt. Gleich hinter der alten Backsteinkirche erheben sich unzählige Masten in den strahlend blauen Sommerhimmel. Die Hafenbucht – von Schilf umsäumt – ist absolut malerisch. Hier bei einem erfrischenden Getränk auf der Hafenterrasse dem Klirren der Stahlseile an den Masten zu lauschen, ist Erholung pur. Doch dafür ist an anderer Stelle und zu anderer Zeit mehr Gelegenheit.

Auf nach Neeberg…

Auf dem Weg in das winzige Dörfchen am Achterwasser will ich die Zeit einfach mal Zeit sein lassen. So wie den ganzen Tag schon. Herrlich!

Vorbei an gelben Weizenfeldern und hoch aufschießendem Mais. Schwalben jagen sich pfeilschnell durch die Sommerluft. Ihr redefreudiges Zwitschern ist weithin hörbar. Schäfchenwolken ziehen über mir hinweg. Die Luft knapp über der Straße flimmert, rückt das Dörfchen zum Greifen nah. Eine Fata Morgana auf Usedom.

Idyllischer Hafen von Neeberg mit zwei Bootsstegen © Henry Böhm

Ein Hafen für mich © Henry Böhm

Doch irgendwann komme ich an in der kleinen Hafenbucht mit den drei Stegen, lasse mich auf die Bank fallen und starre hinaus auf die stille Einsamkeit.

Reetgedecktes Haus, Galerie in Neeberg

Versteckt und wunderschön idyllisch. © Henry Böhm

Doch noch stiller wird es dann im Feng Shui Garten der Künstlerin Margret Schreiber-Gorny. Der Blick wandert über die vielen, wilden Blüten, bleibt an alter, verwitterter und verrosteter Gartenkunst hängen. Es rauscht gewaltig hoch oben in der Birke am Ende des Gartens. Doch der beschaulichen Ruhe im Inneren tut das keinen Abbruch.

Fengshui Garten in Neeberg

Die Zeit vergessen © Henry Böhm

Die Windspiele aus Holz und Metall geben leise Töne von sich. Klingen mich in eine Art Trance. Der Kopf wird leer. In mir wird es ruhig. Die Sonne wandert von Blatt zu Blatt. Ein Schmetterling setzt sich auf meine ausgestreckte Schuhspitze.

Fengshui Garten in Neeberg © Henry Böhm

Runterkommen © Henry Böhm

Wenn das kein Runterkommen ist.

Worte eines Freundes schleichen sich in meinen Sinn: „So viel hast Du in Deinem Leben geändert, mit Mut, Selbstvertrauen, Talent und Können, Liebe, Herz und Kopf. Mich freut das wirklich.“

In mir wird es warm. Glück strömt durch meinen Körper. Während ich hier einfach nur sitze und schaue. Und bin!

 

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Ich danke dem wundervollen Fotografen Henry Böhm für seine tollen Aufnahmen. Die Geschichte ist in Zusammenarbeit mit ihm geboren, gewachsen und losgelassen auf alle Lesefreudigen und Inselliebhaber.
Hier ein paar Facts zu seiner Persönlichkeit:
Henry Böhm himself

 

 

Henry Böhm ist Ur-Insulaner. Nach 20 Jahren Berlin-Urlaub hat er den Weg zum Glück wieder zurück nach Usedom gefunden. Er liebt Details, sieht die kleinen Dinge, die kaum ein anderer wahrnimmt. Der Thurbruch mit seinen verwunschenen Nebelstimmungen und die versteckten Inselecken, in die er nur mit seinem urigen Land Rover kommt, ziehen ihn immer wieder in seinen Bann. Henry Böhm liebt die Insel: „Jeden Tag rauszugehen und mit der Kamera Neues zu entdecken, ist Entspannung pur und die Konzentration auf das Wesentliche. Man muss nur losgehen und die Augen aufmachen.“ Zu finden ist er hier: DAS FOTO henry böhm

 

 

 

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[Der Text enthält Werbung aufgrund von Namensnennung! Alle Anregungen und Vorschläge, Empfehlungen und Bewertungen sind jedoch meine eigene Meinung und mein ganz persönlicher Geschmack, der gerne geteilt, aber auch anders empfunden werden kann.]