Regenbogenfahne mit Smiley © Sandra Grüning

Regenbogengefühle © Sandra Grüning

Mit einem Menschen Hand in Hand am Strand entlang zu spazieren, ist an sich nichts ungewöhnliches. Viel mehr ist es eines der beglückendsten Dinge der Welt.

Doch was, wenn es zwei Frauen sind, die sich dort am Ufersaum im Sonnenaufgang küssen?

Das wird ganz sicher für Empörung sorgen auf einer kleinen Insel wie der meinen. Dachte ich. Damals. Vor fast sechs Jahren. Doch damit lag ich falsch. Aber völlig.

Ich war viele Jahre verheiratet. Glücklich. Mit einem wundervollen Mann. Doch ich wusste immer, dass es da noch eine andere Seite, eine andere Sehnsucht in mir gibt, die irgendwann ausgelebt werden will. Und so war es unausweichlich, dass es eines Tages knistern und funken würde und ich mich ernstlich in eine Frau verliebe.

Zwar war es nicht die Liebe, wie ich sie mir gewünscht und ersehnt habe. Aber ich habe gespürt, dass es der richtige Weg für mich ist. Also ging ich ihn. Und diesen Schritt hin zu mir und dem Anerkennen meiner Bedürfnisse habe ich nie bereut.

Die Frau von damals gehört heute nicht mehr zu meinem Leben. Darüber bin ich sehr glücklich. Denn ich war mit einer Frau zusammengekommen, die mir nicht gut tat.Aber das ist gar nicht das Thema, über das ich schreiben möchte.

Viel lieber möchte ich darüber schreiben, wie es ist als Frau, die Frauen liebt, auf einer Insel zu leben, auf der das Wort „Szene“ ein schillerndes und exotisches Fremdwort aus fernen Großstadtwelten ist. Denn Gay-Cafés oder Orte, an denen sich frauenliebende Frauen treffen oder gar Partys, auf denen sich hauptsächlich gleichgeschlechtlich Liebende erobern können, gibt es hier trotz 42 Kilometer wundervollem und bestens zum Tanzen und Partymachen geeigneten Sandstrands nicht.

Dabei gehe ich gern in Gay-Cafés und -Bars. In Berlin oder Potsdam oder Stockholm. Nicht, um zu erobern, sondern um aufzuatmen. Durchzuatmen und loszulassen. In dem Wissen, um mich herum befinden sich Menschen, die ganz ähnlich empfinden wie ich. Denen ich mich nicht erklären muss. Bei denen es nicht zu verkrampften Umgangsumständlichkeiten wegen meiner Vorliebe für Frauen kommt. Bei denen ich ganz ungezwungen ich sein kann – ohne das Gefühl, ein Exot zu sein.

Und so ein kleiner Flirt… warum nicht?! …ist wie die perfekte Crema auf dem Espresso.

Doch zurück zur Insel, die sich zwar als Gay-Café- und Szene-freie Zone bezeichnen ließe, bei näherer Betrachtung jedoch alles andere als gayfremd ist.

Zwar ist die offen gelebte, gleichgeschlechtliche Liebe auf der Insel noch immer ein Exotikum – wehe, wer an Erotikum denkt -, doch ist sie kein so seltenes Phänomen, wie ich angenommen habe, als ich hierherzog. Viele homosexuelle Urlauberpärchen leben es schließlich vor und sind mittlerweile ein oft gesehenes Bild, wie sie Händchen haltend über die Promenade schlendern.

Es ist auch nicht so, dass ich in meinem Beruf in irgendeiner Weise benachteiligt werde, nur weil ich lesbisch bin. Im Gegenteil. Viele Menschen sehen meine sexuelle Präferenz sehr locker. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, gewisse Dinge laufen gut, gerade weil ich lesbisch bin. Aber das ist, wie gesagt, nur ein Gefühl.

Normalität ist diese Liebes- und Lebensform in so manch anderen Köpfen dagegen noch nicht. Die vielsagenden Blicke, das Getuschel und Gewitzel oder das krampfhafte Wegschauen sind noch immer zu augenfällig.

Und das, obwohl etliche Insulaner, wie ich in den unzähligen Gesprächen der vergangenen Jahre erfuhr, selbst eine Lesbe oder einen Schwulen in der Familie oder im Bekanntenkreis haben. Was nicht heißt, dass sie deshalb umso besser Bescheid wüssten.

Kein Wunder, dass die Menschen um mich herum überaus neugierig sind, zu erfahren, wie das so bei zwei Frauen ist. Im Alltag und auch sonst. Aber besser neugierig und offen als von vorne herein ablehnend. Ich komme mir schon vor wie die Frau-liebt-Frau-Auskunft. Denn was die Leute sich bei ihren Verwandten und Bekannten offenbar nicht zu fragen wagen – bei mir fragen sie:

Wie oder wann hast du gemerkt, dass du Frauen liebst? Wie kamst du damit klar? Wissen das deine Eltern? Wie hast du ihnen das beigebracht? Magst du jetzt keine Männer mehr? Wie merkst du es, dass eine Frau scharf auf dich ist? Gibt es Erkennungszeichen? Was hat das mit diesem Gaydar auf sich? Wie flirten Frauen? Wie funktioniert das im Bett? Gibt es einen männlichen und einen weiblichen Part? Tragen alle männlichen Lesben Holzfällerhemden und Kurzhaarfrisuren?

Ja, kaum zu glauben, aber auch solche Fragen sind immer wieder mal dabei. Manchmal ist es zum Augenrollen und Zehnägelaufstellen.

Zum Glück gibt es Menschen in meinem Leben, für die Homos genauso Normalität sind wie Heteros, denen es deshalb völlig schnuppe ist, ob das Objekt meiner Begierde weiblich oder männlich ist und die ein bisschen wie die Leute in den Gay-Cafés ticken. Eben anders. Sie sind meine Relax- und Aufatem-Inseln. Meine besten Freunde. Ein Gespräch mit ihnen und ich bin wieder ein ganz normaler Mensch mit guten und schlechten Tagen, im Liebestaumel oder tiefsten Liebeskummer. Aber eben stinknormal.

Und wie sieht es mit anderen frauenliebenden Frauen auf der Insel aus?

Es ist ja nicht so, dass auf dem Eiland ein homoerotisches Versteckspiel gespielt wird. Frau kennt sich oder weiß voneinander. Von einem Teil zumindest. Von jenen, die offen lesbisch leben. Doch als eine Gemeinschaft begreifen sich diese Frauen leider nicht. Zu sehr ist jede mit ihrem eigenen Leben, ihrem eigenen Alltag beschäftigt. Vielleicht auch mangels passender Ausgehalternative.

…an manchen Tagen wünsche ich mir dieses kleine Café für Frauen auf meine Insel. Einfach nur, um kurz mal durchzuatmen und loszulassen und ein bisschen Normalität zu genießen.