Stockholm 2017-11-17


Wenn Küstenkinder reisen © Sandra Grüning

Von sanftem Schaukeln und wunderbar warmen Sonnenstrahlen geweckt, muss ich kurz überlegen, wo ich bin. Ein Blick aus dem Fenster lässt mich staunen.

Einschub: Als Erwachsener staunt man viel zu selten.  Zu viele Erfahrungen haben das Herz abgeklärt. Um so schwieriger ist es, es in Erstaunen zu versetzen.

Ich zumindest staune. Wie ein Kind den Weihnachtsbaum bestaunt. Das Wasser unter meinem Schiffsfenster glitzert, als hätte jemand Diamanten auf die Oberfläche gestreut. Und durch das Glitzern hindurch sehe ich eine wunderschöne Stadt und Schiffe und Kirchen und Brücken und noch mehr Wasser.

Ich muss raus! Erkunde jeden Winkel des Schiffs und stehe schlotternd bei Null Grad in Hemdsärmeln oben an Deck und bin einfach nur glücklich.

Navigieren auf Schwedisch © Sandra Grüning

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort kann ich nur sagen. Denn just in dem Moment, in dem ich am Landungssteg vorbeikomme, will eine Kanaltour ablegen. Der Stockholm-Pass ist eine klasse Erfindung. Bootstouren, Bustouren, Museen – alles mit einem Pass. Also reingehüpft und Leinen los.

Frisch verliebt © Sandra Grüning

Tausend Jahre alt  ist diese Stadt und hat kein bisschen Alterserscheinungen. Wow! Neid. Sie muss mir unbedingt verraten, wie sie das macht. Und dieses viele Wasser, Wasser, Wasser – Stockholm besteht nur aus Wasser. Und ein paar wunderschönen Häusern, Palästen und Parks. Ich bin verliebt auf den ersten Blick. Wasser gehört für mich zum Glücklichsein unbedingt dazu. Wie die Luft zum Atmen. Ich weiß, wovon ich schreibe. Ich habe 14 Jahre auf Wasser verzichtet. Und da ist noch etwas, was mir sehr gefällt. Wir schippern keine zehn Minuten und sind mitten im Grünen. Oder besser: In der entlaubten Natur. Inklusive Tiergeschnatter.

Ducks crossing © Sandra Grüning

Pünktlich um 12 Uhr habe ich Hunger. Ich komme mir vor wie auf einer Seniorenreise. Hilft alles nichts: Auf in die berühmte Saluhall. Zwar wird die historische Halle gerade saniert – schade -, doch alle Stände wurden in einen gegenüberliegenden Holznachbau verlegt.

Lifting in progress © Sandra Grüning

Ich habe ja schon große Augen. Aber die werden dort groß wie Suppenteller. Fisch, Fleisch, Hummer, Riesenkrabben, eine ganze Rentierkeule und sogar japanisches Wagyū-Rind. Ich bin vollkommen überfordert.

Jammie © Sandra Grüning
Oder lieber doch eine ganze Keule? © Sandra Grüning

Manches davon schaut mich mit so vielen Augen an, dass ich mich sehr beobachtet fühle – beim Fotografieren.

Schau mir in die Augen Kleines © Sandra Grüning

Nach drei Runden an immer den selben Ständen vorbei, lächeln mich die Verkäuferinnen schon an wie eine alte Bekannte. Von einer bekomme ich sogar eine Praline mit Salted Caramell & Szechuanpfeffer geschenkt. Sie redet munter auf mich ein. Ich verstehe nur „läcker“ und nicke fleißig.

Ich entscheide mich schließlich für Schwedens Nationalspeise: Köttbullar aus Rentierfleisch. Läcker!

Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist es, wenn nach einem strahlend blauen Tag die Sonne schon um drei Uhr nachmittags weg ist. Und zwar nicht hinter Wolken weg, sondern weg wie ins Bett gegangen. Dafür geht allerorten die Weihnachtsbeleuchtung an. Ich möchte das nicht. Noch nicht! Da bin ich streng. Vor Totensonntag bin ich blind für Adventliches. Darum bin ich heilfroh, dass ich kein Schwedisch kann. So kann ich die Musik in den Cafés und Geschäften ganz unverkrampft genießen. Auch wenn das Glöckchengebimmel im Background nichts Sommerliches erahnen lässt.

Mein blühender Weihnachtsbaum © Sandra Grüning

Apropos Salted Caramell – das scheint hier angesagt. Also gönne ich mir im Espresso House so etwas. Zum ersten Mal in meinem Leben! Ich habe Starbucks und Co mit diesen Schi Schi-Kaffees bislang eifrig gemieden. Aber das Sofa verlockt schon von draußen zum Reinfallen und Niewiederhochkommen. Und der Salted Caramell Latte ist wider erwartend „läcker“.

Mein erstes Mal © Sandra Grüning

Wehe ich werde losgelassen – auf ein Einrichtungshaus wie das Nordiska Galleriet 1912. Hätte ich Geld wie Heu, ich würde mich darin bekaufen, dass der Laden binnen kürzester Zeit wegen unverhofften Reichtums schließen könnte. Es ist eine Schande, dass ich nicht über so viel Geld verfüge. Denn das ist genau mein Laden. Design Möbel und Interieur Design vom Feinsten. Meine Wohnung sähe toll aus. Noch toller als sie jetzt schon ist. Und so wie die Kunstwerke im NG 1912 präsentiert werden, könnte ich sie direktemang allesamt kaufen. Vom Kerzenständer bis zum Sofa. Ich bräuchte dann allerdings auch ganz schnell eine zweite, wesentlich größere Wohnung.

Das einzige, was mir diese wunderschöne Stadt ein klitzekleines Bisschen verleidet, ist das Kopfsteinpflaster in der gesamten Altstadt. Ich dachte bislang, Rom sei schlimm. Pah! Stockholm ist schlimmer. Ich habe mir heute sicher gefühlte hundert Mal die Füße gebrochen. Schließlich ist das Spannende dieser Stadt, nicht unbedingt auf dem Boden zu finden.

Allerdings in den kleinen Cafés von Gamla Stan wie dem Chokladkoppen. Urig, kuschelig, sehr guter Kaffee – den können die Schweden übrigens – und ein Service… I am very attracted. Und ich mag es, wenn hübsche Frauenpärchen zum Gästebild gehören. Ein Ort, den ich ganz sicher gern wieder besuche.

Revelers © Sandra Grüning

Leicht schwebend schlendere ich durch die alten, schmalen Gassen. Stockholm zaubert mir an jeder Ecke ein Lächeln ins Gesicht. Habe ich schon erwähnt, dass ich die Stadt mag?!

God natt sov gott och dröm sött.

Nachtrag: Ich brauche jeden Abend etwas, auf das ich mich freue. Und das ist Vorfreude pur!

Vorfreude © Sandra Grüning

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